Warum habe ich positive Emotionen und welchen Nutzen stiften diese?

 

Positive Emotionen erhielten in der Vergangenheit deutlich weniger Aufmerksamkeit als ihr Counterpart, die negativen Emotionen. Dabei ist eines der Merkmale negativer Emotionen der auftretende Verhaltensimpuls: Bei Angst möchte man wegrennen, bei Ärger angreifen. Dieser Verhaltensimpuls konnte in der Vergangenheit in bestimmten Situationen überlebenswichtig sein, aber gilt das auch für positive Emotionen? Zumindest nicht direkt. Zwar wird auch hier ein Verhaltensimpuls hervorgerufen ("Ich könnte in die Luft springen vor Freude"), aber als Auslöser dieses Impulses existiert keine direkte Bedrohung. Die Frage, die sich die bekannte Emotionsforscherin Barbara Frederickson aus den USA gestellt hat, lautete daher: Warum empfinden wir Menschen positive Emotionen?

 

Die Theorie

Im Gegensatz zu neutralen oder negativen Zuständen erhöhen positive Emotionen wahrgenommene Lösungsmöglichkeiten bei Problemen und erweitern den Handlungsspielraum. In diesem Zusammenhang wird auch von einer Erweiterung des aktuellen Denk- und Handlungs-Repertoires gesprochen. Beispielsweise erlaubt ein Zustand von Freude eine spielerische Herangehensweise an Aufgaben oder Situationen. Empfinde ich Freude während einer Präsentation oder in einer Situation mit anderen Menschen, fällt mir eher eine passende Anekdote ein. Oder aber ich wache morgens gut gelaunt auf und finde auf dem Weg zur Arbeit eine kreative Lösung für ein Problem, welches mich am Vorabend beschäftigt hat. Diese Erweiterung des aktuellen Denk- und Handlungs-Repertoires wird durch die Broaden-Komponente der Broaden- und Build-Theorie beschrieben.

 "These various thought-action tendencies - to play, to explore, or to savour and integrate - each represents ways that positive emotions broaden habitual modes of thinking or acting"  [Frederickson, 2004]

Die punktuelle Erweiterung der Denk- und Handlungsalternativen führt, nach Barbara Frederickson, sukzessive zu der Entwicklung bleibender persönlicher Ressourcen - sie werden gebildet (der Build Part der Broaden- und Build-Theorie). Dies illustriert Barbara Frederickson anhand des Beispiels von spielerischem Kampfverhalten. Freude kann insbesondere bei Jugendlichen zu einem spielerischen Gerangel führen, was seinerseits als Übung für spätere Situationen interpretiert werden kann. Darüber hinaus schweißt geteilte Freude Freundschaften zusammen und stärkt so das Verbundenheitsgefühl. In beiden Fällen entstehen persönliche "Ressourcen", wie Freunde oder aber erlernte Verteidigungsmanöver, die in späteren Momenten essentiell sein können.

"Importantly, the personal resources accrued during states of positive emotions are durable. They outlast the transient emotional states that led to their acquisition. By consequence, then, the often incidental effect of experiencing a positive emotion is an increase in one's personal resources." [Frederickson, 2004] 

Im Folgenden werden die Begrifflichkeiten "Erweiterung des aktuellen Denk- und Handlungs-Repertoires - Broaden" und "Bildung persönlicher Ressourcen - Build" eingehender betrachtet.

 

Von größeren Handlungs- und Gedankenspielräumen

Alice M. Isen, eine Forscherin aus den USA, forschte dabei insbesondere zwischen 1980 und 2000 an dem Zusammenspiel zwischen positiven Emotionen und inneren Gedankenvorgängen. Innerhalb dieses Zeitraums konnte sie zeigen, dass die Gedankenmuster von Personen unter dem Einfluss positiver Emotionen flexibel, kreativ, offen für Information und effizient sind.

Auch Barbara Frederickson führte in diesem Zusammenhang eine experimentelle Studie durch. Darin zeigte sie den 104 Studienteilnehmern verschiedene Filme, die entweder positive, negative oder keine Emotionen hervorriefen. Anschließend sollten sich die Teilnehmer in eine ähnliche Situation hineinversetzen und die Handlungen aufschreiben, die sie in derselben Situation ausführen würden. Die Teilnehmer mit den positiven Emotionen schrieben die meisten Handlungsmöglichkeiten auf, gefolgt von den Teilnehmern ohne besondere Emotionen. Am wenigsten Handlungsmöglichkeiten notierten sich die Teilnehmer, die während des Films negative Emotionen empfanden. Dass die Teilnehmer unter dem Einfluss positiver Emotionen die meisten Handlungsalternativen fanden könnte als erhöhte kognitive Flexibilität interpretiert werden: Ich hab quantitativ mehr Entscheidungsmöglichkeiten und kann dadurch die qualitativ beste Entscheidung treffen. 

 

Von erhöhter Resilienz

Weitere Untersuchungen zeigen, dass positive Emotionen ihrerseits negative Emotionen auflösen bzw. abschwächen können. Dieser Effekt wird als Undo-Hypothese bezeichnet. So können positive Emotionen helfen, mit Stress und schwierigen Situationen umzugehen.

"cultivating experiences of positive emotions at opportune moments to cope with negative emotions [...] Folkman and colleagues have made similar claims that experiences of positive affect during chronic stress help people cope." [Frederickson, 2004]

"Aspinwall (2001) describes how positive affect and positive beliefs serve as resources for people coping with adversity." [Frederickson, 2004]

Als Resilienz wird die Fähigkeit mit negativen Erlebnissen und Rückschlägen auf möglichst konstruktive Weise umgehen zu können bezeichnet. Menschen mit hoher Resilienz greifen in schwierigen Situationen häufig auf verschiedene Bewältigungsstrategien, wie Humor, Optimismus, Entspannung oder ähnliches zurück. Solche Bewältigungsstrategien teilen eine Gemeinsamkeit: Die Möglichkeit eine oder mehrere positive Emotionen aktiv hervorzurufen.

"This diverse set of coping strategies has in common the ability to cultivate one or more positive emotions, such as amusement, interest, contentment or hope" [Frederickson, 2004]

In einem weiteren von Frederickson und ihren Studenten durchgeführten Experiment mussten  Studenten auf einer Website täglich erlebte positive, negative und gewöhnliche Erfahrungen festhalten. Ein Teil der Studenten erhielt zusätzlich die Aufgabe, den positiven Bedeutungszusammenhang und die langfristigen Vorteile der gemachten Erfahrungen zu definieren. Dies sollte positive Emotionen hervorrufen.
Das Ergebnis: Bei einer abschließenden Gegenüberstellung hatte sich die Resilienz der Studenten durch die Zusatzaufgabe im Vergleich zur Kontrollgruppe erhöht. Der Anstieg der Resilienz konnte dabei auf das Erleben der positiven Emotionen zurückgeführt werden.

"[...] these increases in resilience were completely accounted for by the greater positive emotions garnered by the daily habit of finding positive meaning" [Frederickson, 2004]

 

Die Aufwärtsspirale

Das Definieren von positiven Bedeutungszusammenhängen gemachter Erfahrungen kann folglich positive Emotionen hervorrufen. Gemäß der Broaden- und Build-Theorie müsste das dazu führen, wiederum mehr Vorteile und mehr Bedeutsamkeit in einzelnen Erfahrungen finden zu können. Diese Überlegung impliziert die Möglichkeit einer Aufwärtsspirale mit sukzessive ansteigendem Wohlbefinden.

"finding positive meaning not only triggers positive emotion, but also positive emotions - because they broaden thinking - should increase the likelihood of finding positive meaning." [Frederickson, 2004]

Argumente für die Existenz einer Aufwärtsspirale konnte Frederickson in einem weiteren Experiment über den Zeitraum von fünf Wochen sammeln. Im Vorfeld des Experimentes wurde den Studienteilnehmern eine Bewertungstechnik erklärt mit Hilfe derer sie lernten, eine Situationen aus verschiedenen Blickwinkel zu betrachten. Diese sollte sie dabei unterstützen, schwierige Situationen objektiver wahrnehmen zu können. Am Anfang und am Ende dieses Experiments wurde die Intensität von insgesamt 20 positiven und negativen Emotionen mit Hilfe des PANAS (Positive and Negative Affect Schedule) erhoben. Frederickson konnte zeigen, dass diejenigen Studienteilnehmer, welche mehr positive Emotionen erfuhren, gleichzeitig besser in der Lage waren, Situationen objektiver zu beurteilen, was wiederum zu mehr positiven Emotionen führte, etc.

"These findings suggest that positive emotions and broad-minded coping mutually build one another: positive emotions not only make people feel good in the present, but also - by broadening thinking and building resources - positive emotions increase the likelihood that people will feel good in the future." [Frederickson, 2004]

Auch zwischen Langlebigkeit und positiven Emotionen existiert eine Korrelation: Eine über 70 Jahre hinweg durchgeführte Längsschnittstudie fand heraus, dass die Teilnehmer (in diesem Fall Nonnen) mit den meisten positiven Emotionen im Durchschnitt zehn Jahre länger lebten, als die Teilnehmer mit den wenigsten positiven Emotionen.

"[...] a strong association was found between positive emotional content and mortality: those nuns who expressed the most positive emotions lived on average 10 years longer than those who expressed the least positive emotions." [Frederickson, 2004]

 

Fazit

Dieser Artikel beinhaltet eine Theorie zu dem Thema positive Emotionen und zeigt auf, welche Vorteile es haben kann, diese langfristig zu kultivieren. Allerdings führt Frederickson nicht aus, inwieweit diese positiven Effekte (wie Resilienz) auch durch andere, nicht in dem Artikel betrachtete Aktivitäten hervorgerufen werden kann. Besonders hervorzuheben ist der abschließende Punkt der Aufwärtsspiralen, wo Frederickson die positive Beeinflussung zwischen Anwendung von Bewertungstechniken und Erleben positiver Emotionen ausführt. Dieser Punkt kann dazu motivieren, Bewertungstechniken - wie auch in der Kognitiven Verhaltenstherapie verwendet - als mentale Routine komplementär zur körperlichen Betätigung in den Tages- oder Wochenablauf einzubauen. 

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Barbara Frederickson

Titel: The broaden-and-build theory of positive emotions

Zeitschrift: The Royal Society

Publikationsjahr: 2004

 

 

Bildquelle: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de