Warum und inwieweit sich Selbstkontrolle langfristig lohnt

 

 

Eines der bekanntesten Experimente der Psychologie wurde Ende der 1960er Jahre von Walter Mischel durchgführt. Bei diesem, unter dem Namen "Marshmallow-Experiment" berühmt gewordenen Experiment wurde die Fähigkeit zur Selbstkontrolle bei Kindern mit Aussicht auf Belohnung untersucht. Diese erhielten einen Marshmallow am Anfang des Experiments und die Anweisung, dass sie nach einer unbestimmten Wartezeit einen zweiten Marshmallow erhalten würden, wenn sie den ersten bis dahin nicht gegessen hätten. So sollte das Ausmaß an Selbstkontrolle der Kinder untersucht werden. Die Hypothese: Kinder mit hoher Selbstkontrolle sind besser in der Lage, der Versuchung einer unmittelbaren Belohnung (das Essen des ersten Marshmallows) durch Aussicht auf eine langfristig größere Belohnung (einen zweiten Marshmallow) zu widerstehen. 13 Forscher aus Neuseeland haben im Rahmen einer ambitionierten Längsschnittstudie über den Zeitraum von 32 Jahren vergleichbare Hypothesen untersucht und überprüft, ob ein höheres Maß an Selbstkontrolle langfristig zu größerem Vermögen, besserer Gesundheit und geringerer krimineller Aktivität führt.

 

Der Studienablauf: 1000 Personen wurden regelmäßig hinsichtlich ihres Ausmaßes an Selbstkontrolle untersucht

Seit den 1970er Jahren wurden 1000 geborene Babys von den Forschern begleitet und bis zu ihrem 33. Lebensjahr regelmäßig auf den Grad ihrer Selbstkontrolle hin untersucht. Selbstkontrolle wurde dabei als ein komplexes Gebilde gesehen, welches verschiedene Aspekte umfasst. Dazu ist Impulskontrolle, Durchhaltevermögen, Gewissenhaftigkeit oder das Aufschieben von Belohnung zu zählen. Auf der anderen Seite untersuchten die Forscher die Variablen Gesundheit (u.a. Substanzabhängigkeiten, Übergewicht, Entzündungen), Vermögen (u.a. Einkommen, Schulden, Sparverhalten) und den Umfang krimineller Aktivitäten der Probanden. Mittels dieser Studie konnten die Forscher folgende vier Hypothesen untersuchen:

  1. Führt Selbstkontrolle bei Kindern später zu besserer Gesundheit, größerem Vermögen und geringerer Kriminalität?
  2. Führt eine Steigerung von Selbstkontrolle zu einer Verbesserung der Finanzen, Gesundheit und zu einer Verringerung der kriminellen Aktivität?
  3. Ist geringe Selbstkontrolle verantwortlich für folgenschwere Ereignisse in der Kindheit, wie beispielsweise frühe Elternschaft, Verlassen der Schule, etc.?
  4. Inwieweit wirken sich frühkindliche, individuelle Unterschiede auf die Situation als Erwachsener aus?

Für die Zwecke der Studie wurden Informationen über den Grad an Selbstkontrolle von Eltern, Lehrern, den Probanden, Freunden der Probanden und den Forschern selbst regelmäßig zusammengetragen. 

 

Was konnten die Forscher herausfinden? Eine Betrachtung der Ergebnisse

Hypothese 1: Selbstkontrolle führt zu besserer Gesundheit, größerem Vermögen und geringerer Kriminalität

Gesundheit: Um den gesundheitlichen Zustand zu erfassen, wurden die Probanden im Alter von 32 Jahren umfassend untersucht. Dabei wurden Übergewicht, Lungenfunktion, Zustand der Zähne, Geschlechtskrankheiten und das Vorhandensein von C-reaktiven Proteinen im Blut (zur Beurteilung des Schweregrades entzündlicher Krankheiten) kontrolliert. Hierbei konnte festgestellt werden, dass gesundheitliche Probleme durch mangelnde Selbstkontrolle während der Kindheit beeinflusst wurden.  

"Childhood self-control predicted adult health problems, even after accounting for social class orginins and IQ." [Moffitt et al., 2011]

Des Weiteren ging geringe Selbstkontrolle mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von Substanzabhängigkeiten (Alkohol, Nikotin, Drogen) einher.

 

Vermögen: Auch wenn sich die familiären Zustände und der eigene Intelligenzquotient stark auf den späteren sozioökonomischen Status auswirkten, so hatte auch das Ausmaß an Selbstkontrolle einen Einfluss darauf.

"[...]poor self-control offered significant incremental validity in predicting the socioeconomic position they achieved and the income they earned." [Moffitt et al., 2011]

Darüber hinaus besaßen die Studienteilnehmer mit höherer Selbstkontrolle im Durchschnitt mehr Vermögensgegenstände, wie beispielsweise ein Haus oder sonstige Vermögensanlagen und verzeichneten auch weniger Geldprobleme in Form von beispielsweise Schulden.

 

Kriminalität: Bezüglich der Kriminalität führte eine geringere Selbstkontrolle zu einer höheren kriminellen Aktivität.

"Children with poor self-control were more likely to be convicted of a criminal offense, even after accounting for social class origins and IQ." [Moffitt et al., 2011]

 

Hypothese 2: Eine Steigerung von Selbstkontrolle verbessert Gesundheit, Vermögen und verringerte kriminelle Aktivität 

Bei einigen Teilnehmern konnte im Verlauf der Studie eine Steigerung der Selbstkontrolle dokumentiert werden. Dies wirkte sich positiv auf Gesundheit, Vermögen und kriminelle Aktivität aus.

"Those childen, who became more self-controlled from childhood to young adulthood had better outcomes by the age of 32 y [...]" [Moffitt et al., 2011]

 

Hypothese 3: Folgenschwere Ereignisse wie frühe Elternschaft können auf mangelnde Selbstkontrolle zurückgeführt werden

Je weniger Selbstkontrolle die Studienteilnehmer besaßen, desto eher fingen diese an mit 15 Jahren zu rauchen, die Schule ohne Abschluss zu verlassen oder ungewollt Eltern zu werden. Dies wirkte sich auf deren Situation als Erwachsene aus. 

"[...]children with poor self-control were more likely to make mistakes as adolescents, resulting in "snares" that trapped them in harmful lifestyles." [Moffitt et al., 2011]

 

Hypothese 4: frühkindliche Selbstkontrolle wirkte sich positiv auf die Situation mit 32 Jahren aus

Wenn auch in geringem Ausmaß, hatte der Grad an Selbstkontrolle zwischen drei und fünf Jahren dennoch Einfluss auf die untersuchten Faktoren Vermögen, Gesundheit und Kriminalität. 

"[...]preschoolers' self-control significantly predicted health, wealth, and convictions at the age of 32 y, albeit with modest effect sizes." [Moffitt et al., 2011]

 

Alle 4 Hypothesen waren auch noch signifikant, nachdem die Forscher den Einfluss der familiären Situation und die Höhe des Intelligenzquotienten der Studienteilnehmer berücksichtigten. Bei Geschwistern mit gleicher familiärer Situation und bei Personen mit gleichem Intelligenzquotient waren die Ergebnisse dieselben: höhere Selbstkontrolle = mehr Geld, bessere Gesundheit und geringere kriminelle Aktivität. 

 

Fazit:

Eine ambitionierte Längsschnittstudie, die über einen langen Zeitraum mit einer verhältnismäßig großen Anzahl an Probanden die positiven Konsequenzen höherer Selbstkontrolle herausstellt. Die Forscher zeigten darüber hinaus auf, dass Selbstkontrolle keineswegs fixiert, sondern wandelbar ist. Sie kann sich durch eigene Intention und bedingt durch äußere Umstände ändern, was sich wiederum finanziell und gesundheitlich lohnen kann. Auch wenn die Effekte von Vermögen auf das eigene Wohlbefinden ab einer gewissen Schwelle stark abnehmen, ist es darunter relevant für das Wohlbefinden. Selbstkontrolle scheint ein wichtiger Aspekt für die Befriedigung von Grundbedürfnissen (Unterkunft, Ernährung, Gesundheit, ...) zu sein und stellt daher ein wichtiges Fundament für das subjektive Wohlbefinden dar. Als Kritikpunkt dieser Studie ist anzumerken, dass die Forscher keine Kausalzusammenhänge zwischen Gesundheit, Vermögen und Kriminalität herausgearbeitet haben. Daher ist zu klären, inwieweit Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Variablen den herausgestellten Einfluss von Selbstkontrolle erklären. 

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Terre E. Moffitt, Louise Arseneault, Daniel Belsky, et al.

Titel: A gradient of childhood self-control predicts healt, wealth, and public safety

Zeitschrift: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America

Publikationsjahr: 2011

Studienteilnehmer: 1000 Studienteilnehmer aus Neuseeland

 

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