Wie stark kann ich mein Wohlbefinden beeinflussen?

 

 

Die Frage, wie ich zufriedener und glücklicher werde, scheint - zumindest gemessen am Erfolg von Selbsthilfebüchern in Amerika und Europa - viele Menschen zu beschäftigen. Den Ausführungen in diesen sollte jedoch eine angemessene Vorsicht entgegengebracht werden. Allzu häufig werden subjektive Erlebnisse geschildert, die auf Grund von Selbstpräsentation möglicherweise verfälscht dargestellt sind. Eine häufige Quintessenz: "Es funktioniert so! Sie müssen nur dieses oder jenes machen!" Um sich aber überhaupt zu der Frage "Wie kann ich meine Wohlbefinden verändern?" vorzuwagen, sollte erst einmal die Frage "Kann ich meine Wohlbefinden überhaupt verändern?" geklärt werden. Dieser Frage haben sich die drei Forscher Sonya Lyubomirsky, Kennon M. Sheldon und Davida Schkade aus den USA gestellt.

 

Argumente gegen die Veränderbarkeit des eigenen Wohlbefindens

Zunächst einmal fanden die drei Forscher Argumente, welche gegen die Veränderbarkeit des Wohlbefinden sprechen. Sie stießen beispielsweise auf Studien mit Zwillingen, die erahnen lassen, dass zumindest ein Teil des eigenen Wohlbefindens erblich bedingt ist und sich damit dem eigenen Einfluss entzieht.

"[...] have provided evidence, based on twin studies and adoption studies, that the heritability of well-being may be as high as 80% (although a more widely accepted figure is 50%[...]" [Lyubomirsky et al., 2005]

Ein weiteres Argument für den zumindest anteilig statischen Charakter des subjektiven Wohlbefindens findet sich bei den Persönlichkeitseigenschaften und einem der wohl einflussreichsten Modelle aus dem Bereich der Persönlichkeitspsychologie: den sogenannten "Big Five". Das Modell  beschreibt unterschiedliche Persönlichkeitstypen anhand der Ausprägung von 5 Merkmalen: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Gewissenhaftigkeit und Umgänglichkeit.

Zwei der insgesamt fünf Merkmale korrelieren direkt mit dem eigenen Wohlbefinden: Der Grad an Neurotizismus und der Grad an Extraversion. Da gezeigt werden konnte, dass diese Persönlichkeitseigenschaften über längere Zeiträume hinweg stabil sind, vermuteten Forscher auch beim Wohlbefinden eine hohe Stabilität.

"Because of the close relation between psychological well-being and these personality characteristics, McCrae and Costa argued that people also tend to maintain the same relative level of happiness over time" [Lyubomirsky et al., 2005]

Gegen die langfristige Wandelbarkeit des subjektiven Wohlbefindens spricht auch das Phänomen der sogenannten hedonistischen Adaption. Es beschreibt, wie sich der Mensch an sich verändernde, äußere Umstände anpasst. So konnte bereits in den 1970er Jahren festgestellt werden, dass Lottogewinner ein Jahr nach ihrem Gewinn nicht zufriedener waren als eine Kontrollgruppe ohne Lottogewinn.

 

Argumente für die Veränderbarkeit des eigenen Wohlbefindens

Neue Interventionen aus dem Bereich der Positiven Psychologie konnten zeigen, dass die Durchführung von Dankbarkeits- oder von Vergebungsübungen das eigene Wohlbefinden kurzfristig steigern können. Auch die dokumentierten Erfolge kognitiver und verhaltensbezogener Strategien lassen hoffen.

"[...] research documenting the long-term effectiveness of cognitive and behavioral strategies to combat negative affect and depression has encouraging implications for the possibility of elevating log-term happiness." [Lyubomirsky et al., 2005]

Weiterhin haben sie Motivations- und Einstellungsfaktoren betrachtet, welche ebenfalls mit dem Wohlbefinden in Verbindung gebracht werden konnten. Ein Beispiel für so einen Motivationsfaktor ist die Verfolgung intrinsisch motivierter Lebensziele. Einstellungsfaktoren sind beispielsweise die Vermeidung von sozialem Vergleich oder eine optimistische Sichtweise.

Außerdem konnte wiederholt festgestellt werden, dass ältere Menschen tendenziell zufriedener sind als jüngere - ein starkes Argument für die Veränderbarkeit des Wohlbefindens.

"[...] older persons report higher life satisfaction and lower negative affect  [...] they are observed frequently enough to suggest that greater happiness can indeed be achieved over time, not just by a few people but perhaps by the majority of people [...]" [Lyubomirsky et al., 2005]

 

Das Modell

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen haben Lyubomirsky et al. ein aus drei Determinanten bestehendes Modell entwickelt. Demnach basiert das subjektive Wohlbefinden auf einem genetisch bedingten Set Point, den Lebensumständen und intentionalen Aktivitäten.

 

Wohlbefinden Beeinflussbarkeit.png

Wie Abbildung 1 zeigt, tragen die Lebensumstände zu 10%, die Gene zu 50% und die intentionalen Aktivitäten zu 40% des subjektiven Wohlbefindens bei. Das bedeutet folglich, dass insgesamt etwa 40-50% des subjektiven Wohlbefindens veränderbar sind. Hier ist auffällig, dass die Lebensumstände nur mit einem Anteil von 10% zum subjektiven Wohlbefinden beitragen.

 

Der Bereich Lebensumstände umfasst demographische Faktoren (bspw. Alter, Geschlecht, etc.), die eigene Vergangenheit (Unfälle, Traumata, Schulabschluss, etc.), Statusvariablen (Beziehungsstatus, Einkommen, etc.) und auch die Gesundheit. Dabei wird die Einflussgröße von Forscherseite mit 8-15% beziffert. Dies ist in erster Linie auf die hedonistische Adaption zurückgeführt. Unter Berücksichtigung der Erkenntnisse, dass beispielsweise weder ein Lottogewinn noch eine plötzliche Querschnittslähmung langfristig dramatische Auswirkungen auf die Zufriedenheit der Betroffenen hat, scheint die Begründung legitim.

"We believe that these counterintuitively small effects can be largely accounted for by hedonic adaptation and the fact that people adapt rapidly to new circumstances and life events." [Lyubomirsky et al., 2005]

 

Fazit

Mit 40 - 50% Beeinflussbarkeit ist ein verhältnismäßig großer Spielraum für die Veränderbarkeit des subjektiven Wohlbefindens gegeben. Allerdings sollte hierbei berücksichtigt werden, dass eine exzessive Intention zufriedener zu werden in einem ständigen Soll-Ist Abgleich enden kann. Die Fragen "Bin ich glücklich?", "Bin ich schon glücklich?", kann so auch negative Auswirkungen auf das eigene Wohlbefinden haben. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn das Ziel eine ständige Glückseligkeit ist und wieder und wieder festgestellt werden muss, dass ein Glücksempfinden als permanenter Zustand nicht erreicht werden kann. Dennoch sind insbesondere die intentionalen Aktivitäten eine vielversprechende, direkt zu beeinflussende Determinante des subjektiven Wohlbefindens. 

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Sonja Lyubomirsky, Kennon M. Sheldon, David Schkade

Titel: Pursuing Happiness: The Architecture of Sustainable Change

Zeitschrift: Review of General Psychology

Publikationsjahr: 2005

 

Bildquelle: dierk schaefer / flickr.com