Einfach mal durchatmen

 

 

Durch die Atmung ist unser Körper permanent mit der Außenwelt verbunden. Im Durchschnitt atmet ein erwachsener Mensch 12 bis 18 mal in der Minute. Und auch wenn mit Luftröhre, Nase oder Lunge einige Organe an diesem Prozess beteiligt sind, läuft er größtenteils unterbewusst ab. Höchstens nach dem Sport merken wir, wenn wir aus der Puste sind. Beginnen wir jetzt jedoch auf den Atem zu achten und atmen drei mal ganz bewusst tief ein und aus, merken wir sofort einen Entspannungseffekt. Der Herzschlag verlangsamt sich. Diese Erkenntnis hat drei Forscher aus Belgien und Kanada dazu veranlasst, den Einfluss der Atmung auf die eigenen Emotionen zu untersuchen.

 

Emotionen haben viele Bestandteile

Eine Emotion setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Die subjektive Gefühlskomponente wird dabei wohl am häufigsten mit der Emotion verwechselt, obwohl sie nur einen Teil einer Emotion darstellt. Neben dem Gefühl besteht eine Emotion aus einer physiologischen Reaktion (z.B. Verlangsamung des Herzschlags oder Anstieg des Blutdrucks), einer kognitiven Bewertung (z.B. „Ich habe ein unerwartet gutes Ergebnis in einer Schularbeit erreicht.“ oder „Ich fühle mich wohl mit Freunden.“) und einem emotionsspezifischen Gesichtsausdruck. Insbesondere letztere Komponente ist durch Paul Ekman bekannt geworden, als er die kulturunabhängige Universalität von Gesichtsausdrücken bei Emotionen herausfand (z.B. ein lachendes Gesicht bei Freude oder weit aufgerissene Augen bzw. ein geöffneter Mund bei Überraschung).

„[...] emotion is best conceived of as a multicomponent process whose most central components include appraisal, facial expressions, physiological responsens, and subjective feeling states.“ [Philippot et al., 2002]

Da bereits gezeigt werden konnte, dass durch bestimmte Atemübungen die Angst von Menschen verringert werden kann, interessierte die Forscher vor allem, ob sich die Atmung auch auf andere Gefühle auswirkt.

„[...] these studies have also demonstrated the clinical efficacy of respiration manipulation in reducing anxiety through breathing retraining.“ [Philippot et al., 2002]

 

Ich fühle, also atme ich

In der ersten Studie wollte das Forscherteam herausfinden, ob und inwiefern sich die Atmung in Abhängigkeit von erlebten Gefühlen verändert. Dabei wurden die Emotionen Freude, Wut, Furcht und Trauer untersucht. Zu Beginn des Experiments sollten die insgesamt 23 Studienteilnehmer zunächst einen bestimmten Gefühlszustand produzieren. Sobald sie diesen nach eigener Aussage erreicht hatten, dokumentierten sie ihr Atemverhalten anhand eines Fragebogens.

Das Ergebnis: In dieser Studie konnten die Forscher zeigen, dass sich die Atemfrequenz (Häufigkeit der Atmung) emotionsabhängig verändert. Während sich die Atemfrequenz  bei Wut und Furcht erhöhte, verringerte sie sich beim Erleben von Freude. Trauer hingegen hatte fast keinen Einfluss auf die Atemfrequenz.

„[...] respiratory frequency increased for anger and fear, decreased for joy and did not change from baseline for sadness.“ [Philippot et al., 2002]

Die Atmungsamplitude (Tiefe der Atmung) veränderte sich bei den Emotionen Freude und Wut ebenfalls. Frohe Teilnehmer atmeten deutlich tiefer ein und auch wütende Teilnehmer zeigten eine größere Atmungsamplitude, wenn auch in geringerem Ausmaß.

„Respiratory amplitude increased dramatically in joy and, although to a lesser extent, in anger.“ [Philippot et al., 2002]

 

Ich atme, also fühle ich

Jetzt galt es herauszufinden, inwieweit Emotionen durch bestimmte Atemtechniken hervorgerufen werden können. Die 26 Studienteilnehmer wurden hierfür in 4 Gruppen aufgeteilt, in welchen sie jeweils eine emotionsspezifische Atemtechnik erlernten. Während des gesamten Experiments dachten die Studienteilnehmer, dass der Einfluss von Atemübungen auf kardiovaskuläre Veränderungen (z.B. Herzfrequenz) und auf das Körpergefühl (z.B. schwache Knie) untersucht wurde. Dies sollte verhindern, dass Verzerrungen auftreten (z.B. „Ich weiß, dass ich gerade „freudig“ atme, also muss sich das auch auf meinen emotionalen Zustand auswirken.“).

Nachdem die Teilnehmer die Atemtechniken gelernt hatten, sollten sie diese über einen Zeitraum von zwei Minuten anwenden. Unmittelbar danach wurden sie angewiesen, einen Fragebogen auszufüllen, in welchem sich versteckt auch einzelne Fragen zu Emotionen befanden.

Das Ergebnis: Es konnte gezeigt werden, dass sich die emotionale Gefühlswelt der Studienteilnehmer tatsächlich in Abhängigkeit von den jeweiligen Atemmustern veränderte.

„[...] differentiated emotional feeling states were induced by respiration manipulations without participants’ awareness of the process.“ [Philippot et al., 2002]

Die Veränderung war darüber hinaus bedeutend stärker, als bei ähnlichen Studien, wo der Einfluss von Gesichtsausdrücken auf Emotionen untersucht wurde.

„The amount of variance accounted for by this effect (40%) is larger than the one accounted for by facial feedback (13%).“ [Philippot et al., 2002]

 

Fazit

Diese Publikation ist ein weiteres Argument für die These des Embodiement. Nach dieser These hat nicht nur die Psyche Einfluss auf den Körper, sondern der Körper (bspw. Körperhaltung oder Atmung) beeinflusst auch die Psyche. Gerade in Zeiten zunehmenden Stresses kann es daher hilfreich sein, seine Atmung zu schulen, um diesem Stress besser begegnen zu können. Besonders hilfreich ist es dabei, diese Atemübungen zu ritualisieren. Dies könnte beispielsweise zeitabhängig passieren. Morgens nach dem Aufstehen wird drei mal tief durchgeatmet und im Anschluss an jede Mahlzeit erneut. So kann Stück für Stück die eigene Atmung verbessert werden. 

 
 

Informationen zum Artikel


Autoren: Pierre Philippot, Gaetane Chapelle, & Sylvie Blairy

Titel: Respiratory Feedback in the Generation of Emotion

Zeitschrift: Cognition and Emotion

Publikationsjahr: 2002

 

 

Bildquelle: flickr.com / rafael-castillo