Wir verändern uns stärker, als wir glauben!

Wenn wir an die letzten zehn Jahre unseres Lebens zurückdenken, stellen wir fest, dass sich einiges verändert hat. Wir haben uns weiterentwickelt, viele neue Dinge erlebt und wahrscheinlich sogar neue Freundschaften geknüpft. Es gab die einschneidenden Momente, die alles verändert haben und auch etliche, weniger wichtige Ereignisse. Fest steht jedoch: Es ist viel passiert. Was aber wird in Zukunft, in den nächsten zehn Jahren passieren? Diese Frage kann wohl niemand beantworten – zum Glück. Dennoch neigen wir dazu, uns zukünftige Dinge auszumalen. „In vier Jahren werde ich Kinder haben und in zwei Jahren die nächste Gehaltserhöhung. Dann wird sich vieles verändern.“, könnten mögliche Gedankengänge sein. Jordi Quoidbach, Daniel Gilbert und Timothy Wilson haben untersucht, wie stark Menschen sich verändern und wie stark sie glauben, sich zukünftig zu verändern - mit überraschenden Ergebnissen.

 

Der Aufbau der Studien

Das Forscherteam untersuchte in mehreren Studien, wie sich die Persönlichkeit, die Werte oder die persönlichen Präferenzen von insgesamt über 19.000 Personen in den letzten zehn Jahren veränderten. Gleichzeitig wollten sie wissen, wie stark diese glaubten, sich innerhalb der nächsten zehn Jahre zu verändern. Das Alter der Personen reichte von 18 bis 68 Jahren. Die benötigten Informationen wurden mit Hilfe von Fragebögen erhoben. Per Zufallsprinzip sollten die Studienteilnehmer diesen Fragebogen nun entweder so ausfüllen, wie sie ihn vor zehn Jahren ausgefüllt hätten oder wie sie glaubten, ihn in zehn Jahren auszufüllen. Danach wurde analysiert, wie sich beispielsweise ein 25 jähriger Teilnehmer (a Jahre) mit 35 Jahren (a + 10 Jahre) einschätzt im Vergleich zu einem 35 jährigen Studienteilnehmer (a + 10 Jahre), der einen Rückblick auf seine Zeit vor zehn Jahren (a Jahre) gibt. Diese Betrachtungsweise erlaubte Rückschlüsse darauf, wie stark Menschen eines bestimmten Alters glauben sich zu verändern und wie stark sie sich tatsächlich verändern.

 

Die Veränderung von Persönlichkeit, Werten und persönlichen Präferenzen

Persönlichkeit: Die Persönlichkeit wurde mit Hilfe der fünf Dimensionen des Big Five Modells operationalisiert: Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Neurotizismus, Umgänglichkeit und Offenheit für Erfahrungen. Die Forscher Quiodbach, Gilbert und Wilson stellten fest, dass die Veränderung der Persönlichkeit (berichtet und auch vorhergesagt) mit steigendem Alter abnahm.

„[...] the older the participants were, the less personality change they reported or predicted.“ [Quoidbach et al., 2013]

Wie vermutet, konnte jedoch auch festgestellt werden, dass die Studienteilnehmer im Alter von a Jahren weniger Veränderung der Persönlichkeit vorhersagten, als die Studienteilnehmer im Alter von a + 10 Jahren rückblickend berichteten.

„Predictors aged a years predicted that they would change less over the next decade than reporters aged a + 10 years reported having changed over the same decade.“ [Quoidbach et al., 2013]

Da die Erinnerung an die eigene Persönlichkeit vor zehn Jahren verzerrt sein könnte, verwiesen die Forscher auf eine weitere Studie, die sich mit langfristigen Veränderungsprozessen befasst hat. In dieser wurden Persönlichkeitsmerkmale von Personen einmal in den Jahren 1995-1996 und das zweite Mal von 2004-2006 erfasst. Der Grad an Veränderung war bei der Studie der Forscher und dieser zweiten Studie fast identisch. Daraus schlussfolgerten Quiodbach und seine Kollegen, dass Erinnerungsfehler für ihr Studiendesign keine große Fehlerquelle darstellten.

„These adults completed the MIDUS Big Five scale for the first time in 1995-1996 and for a second time in 2004-2006 [...] the magnitude of reported personality change in our sample was almost identical to the magnitude of actual personality change in the MIDUS sample.“ [Quoidbach et al., 2013]

Nun galt es noch zu klären, inwieweit Schwierigkeiten bei der Einschätzung der Persönlichkeitsentwicklung eine Rolle spielten. Kann ich gut einschätzen, wie extrovertiert oder wie neurotisch ich in den nächsten zehn Jahren sein werde? Das Forscherteam beschloss daher eine zweite Studie durchzuführen, bei welcher die allgemeine Veränderung der eigenen Persönlichkeit statt konkreten Persönlichkeitsmerkmalen im Vordergrund stand. Auch hier waren ähnliche Muster zu sehen, weswegen die Forscher keine Probleme im Zusammenhang mit der Frage nach konkreten Persönlichkeitsmerkmalen sahen.

„This finding suggest that a lack of specific knowledge about how one might change in the future was not the cause of the effects seen in study 1.“ [Quoidbach et al., 2013] 

Werte: Bei der Untersuchung der Veränderung von Werten mussten die Studienteilnehmer die persönliche Relevanz von 10 Basiswerten (z.B. Erfolg, Hedonismus, Sicherheit) angeben (mittlerweile wurden die Basiswerte auf insgesamt 19 erweitert). Analog zu den vorherigen Ergebnissen fiel die vorhergesagte Veränderung deutlich geringer als die berichtete Veränderung zehn Jahre später aus. Das Ausmaß an Veränderung sank ebenfalls wieder mit steigendem Alter.

„Predictors aged a years predicted that they would change less over the next decade than reporters aged a + 10 years reported having changed over the same decade.“ [Quoidbach et al., 2013]

Persönliche Präferenzen: Um weitere Anzeichen zu sammeln, dass die in den vorherigen Studien gesammelten Ergebnisse zur Persönlichkeit und zu persönlichen Werten nicht aus fehlerhafter Erinnerung resultieren, beschlossen die Forscher eine weitere Studie über Präferenzen durchzuführen. Sie nahmen dabei an, dass persönliche Präferenzen (z.B. beste Freundin, Lieblingsband) häufig gut erinnert werden können und die Erinnerung daher seltener fehlerhaft ist. Wie zu erwarten, waren die Ergebnisse wieder fast identisch: Menschen glauben, dass sich Präferenzen zukünftig weniger stark verändern, als sie es tatsächlich tun.

„Predictors aged a years predicted that their preferences would change less over the next decade than reporters aged a + 10 years reported that their preferences had changed over the same decade.“ [Quoidbach et al., 2013]

 

Fazit

In dieser Publikation zeigt das Forscherteam um Quoidbach auf deutliche Art und Weise, wie falsch Menschen eigene Veränderungsprozesse einschätzen. Menschen unterschätzen, wie stark sich Dinge wie Persönlichkeit, Werte oder persönliche Präferenzen in der Zukunft verändern werden. Dies könnte möglicherweise damit erklärt werden, dass von einem Tag auf den nächsten kaum eine wahrnehmbare Veränderung stattfindet. Langfristig haben kleine, aufsummierte Ereignisse jedoch einen stärkeren Effekt als vermutet. Diese Erkenntnisse können insbesondere für diejenigen Menschen sehr hilfreich sein, die nicht an die Möglichkeit von Veränderung glauben und sich dadurch möglicherweise selbst blockieren. Auch in wirtschaftlichen Kontexten ist dieses Wissen interessant, wenn es darum geht, die Potentiale der Mitarbeiter zu entfalten. So kann dieses Wissen in Mitarbeitergesprächen diskutiert und anschließend ein gemeinsamer Entwicklungsplan abgestimmt werden.

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: John Quoidbach, Daniel T. Gilbert, Timothy Wilson

Titel: The End of History Illusion

Zeitschrift: Science

Publikationsjahr: 2013

 

 

Bildquelle: flickr.com / Aurimas