Warum der Mensch nicht rational ist: Eine Betrachtung kognitiver Verzerrungen

 

 

In einer deutschen Kleinstadt passierte im Jahr 2013 etwas Außergewöhnliches. In allen Jahren zuvor war das Verhältnis neugeborener Mädchen und Jungen ausgeglichen. Im Jahr 2013 hingegen war der Anteil neugeborener Jungen mit 60% deutlich größer als der Anteil neugeborener Mädchen. Was war hier passiert? Eine genauere Untersuchung des Sachverhalts brachte keine sonderbaren Vorkommnisse zu Tage. Es waren keine Fabriken in der Umgebung gebaut worden, deren Chemikalien die Geburtenhäufigkeit von Mädchen und Jungen hätten beeinflussen können. Vielleicht ein Zufall? In der Stadt befinden sich zwei unterschiedlich große Krankenhäuser. In dem kleineren Krankenhaus wurden 2013 täglich etwa 15 Babys zur Welt gebracht und im größeren Krankenhaus waren es sogar 45. Auf Grund der seltsamen Geburtenraten beschlossen die Mitarbeiter der beiden Krankenhäuser Anfang 2013 die Tage aufzuschreiben, an welchen der Anteil neugeborener Jungs mehr als 60% betrug. Welches Krankenhaus verzeichnete häufiger solche Tage? Das kleine Krankenhaus? Das große Krankenhaus? Oder waren beide Krankenhäuser gleich häufig von der sonderbaren Geburtenrate betroffen?

Die richtige Antwort ist das kleine Krankenhaus. Statistisch gesehen ist nämlich ein signifikantes Abweichen von einem Mittelwert (in diesem Fall eine 50-50 Geburtenrate) bei größeren Gruppen unwahrscheinlicher als bei kleinen Gruppen.

"[...] sampling theory entails that the expected number of days on which more than 60 percent of the babies are boys is much greater in the small hospital than in the large one, because a large sample is less likely to stray from 50 percent." [Tversky and Kahneman, 1974]

Und dennoch entscheiden sich viele Menschen intuitiv für die letzte Antwort - gleiche Häufigkeiten in beiden Krankenhäusern. Dieses Antwortverhalten hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Es ist ganz einfach charakteristisch dafür, dass der Mensch keineswegs durch und durch rational ist, sondern vielfach durch kognitive Verzerrungen getäuscht wird. Dies wird auch in anderen Kontexten deutlich.

 

Sag mir wie du bist und ich sag dir, was du machst

Betrachten wir einmal folgende Persönlichkeitsbeschreibung:

Lea ist eine aufgeschlossene und gesellige junge Frau. Durch verschiedene schwierige Erfahrungen in der Kindheit musste sie lernen auf sich selbst gestellt durchs Leben zu gehen. Sie ist ein Kämpfertyp geworden und hat eine Zielstrebigkeit, um welches sie viele ihrer Freunde und Bekannte beneiden. 

Was ist aus Lea geworden? Arbeitet sie lediglich als Kellnerin oder ist es wahrscheinlicher, dass sie neben ihrer Kellnertätigkeit auch noch aktiv für Frauenrechte kämpft? Auch hier entscheiden sich viele Menschen für die deutlich unwahrscheinlichere Option: Lea ist Kellnerin und gleichzeitig aktive Frauenrechtlerin. Woran liegt das? Beim Lesen der Persönlichkeitsbeschreibung haben viele Menschen sofort die starke Frau vor Augen. Eine Frau, die sich neben ihrer beruflichen Tätigkeit höchstwahrscheinlich auch für andere Frauen einsetzt. Die Kellnertätigkeit rückt bei der Einschätzung in den Hintergrund, obwohl es niemals wahrscheinlicher sein kann, dass eine Person kellnert und gleichzeitig für Frauenrechte kämpft als das sie lediglich kellnert. Diese Heuristik bezeichnet man als Verfügbarkeitsheuristik (availability heuristic oder availability bias) und wir fallen ihr in verschiedensten Situationen immer wieder zum Opfer. 

Liest man Leuten eine Liste mit bekannten Männern und Frauen vor, spielt die Bekanntheit der Personen eine wichtige Rolle dabei, ob die Zuhörer glauben, mehr Männer- oder mehr Frauennamen gehört zu haben. Sind beispielsweise mehr bekannte Frauen auf der Liste, so glauben die meisten Menschen auch mehr Frauennamen gehört zu haben, auch wenn in Wahrheit die Männernamen überwiegen.

"In some of the lists the men were relatively more famous than the women, and in others the women were relatively more famous than the men. In each of the lists, the subjects erroneously judged that the class that had the more famous personalities was the more numerous." [Tversky and Kahneman, 1974]

 

Über Lob und Tadel

Auch bei der Ausbildung von Piloten spielten kognitive Verzerrungen in der Vergangenheit eine große Rolle. So hatte ein Ausbilder einmal festgestellt, dass es besser ist, die Piloten in Ausbildung zu kritisieren, anstatt sie zu loben. Warum? Ihm war aufgefallen, dass bei besonders guten Flugzeuglandungen verbunden mit einem Lob die Leistung bei der nächsten Landung abnahm und die Piloten weniger sanft landeten. Umgekehrt war nach einer sehr unsanften Landung und harscher Kritik die Landung beim nächsten Versuch besser. Ganz eindeutig eine Folge der harschen Kritik... oder? Nein! Zahlreiche psychologische Studien haben die positiven und leistungsfördernden Effekte von Lob nachgewiesen und gleichzeitig die negativen Auswirkungen von harscher Kritik herausgearbeitet. Die beobachtete Leistung der auszubildenden Piloten hatten also weniger mit dem Verhalten des Ausbilders zu tun, sondern mehr mit einer statistischen Normalverteilung: Nach einer herausragenden Leistung, ist es wahrscheinlicher, dass beim nächsten Versuch die Leistung abnimmt. Schließlich ist es ja auch wahrscheinlicher, ein Mal beim Lotto zu gewinnen und das nächste Mal zu verlieren, anstatt direkt zwei Mal hintereinander zu gewinnen.

 

Erfolg - weil es ja einen treffen muss

Und auch bei individuellen Erfolgsgeschichten lassen wir uns manchmal fehlleiten. Warren Buffets Erfolg als Investor könnte einerseits zwar auf eine überragende Intelligenz und sein Gespür für zukünftige Entwicklungen zurückgeführt werden. Andererseits könnte es jedoch auch schlicht und einfach als statistische Notwendigkeit interpretiert werden: Wie wahrscheinlich ist es, dass von allen Aktienhändlern eine Person wirklich erfolgreich ist? Betrachtet man nicht den Einzelfall Warren Buffet, sondern viel mehr die Masse an Aktienhändlern, so wirkt sein finanzieller Erfolg zwar immer noch sehr unwahrscheinlich, aber irgendwer muss ja - zumindest statistisch gesehen - erfolgreich sein. Und wäre es nicht Warren Buffet gewesen, dann wäre es mit Sicherheit ein anderer Aktienhändler geworden. 

 

Fazit

Diese Beispiele sind lediglich ein Auszug der kognitiven Verzerrungen, denen wir als Menschen systematisch unterliegen. Und auch wenn wir über diese Bescheid wissen, fallen wir ihnen immer wieder zum Opfer. Das Schubladendenken ist ein Beispiel dafür. Lernt man eine neue Person kennen, weiß man schon nach kurzer Zeit, wie diese tickt - schließlich ähnelt sie einer alten Bekannten oder passt einfach zu perfekt in ein Rollenklischee. Diese Erkenntnisse waren nicht nur ein Meilenstein der Psychologieforschung, sondern hatten auch Auswirkungen auf andere Wissenschaftsfelder. Annahmen von bedeutenden Basismodellen der Volkswirtschaftslehre (wie beispielsweise die Rationalität des Menschen) schienen dadurch überholt. Es entwickelte sich sogar ein neues Wissenschaftsfeld daraus, welches die Besonderheiten der menschlichen Natur in wirtschaftlichen Kontexten genauer zu beschreiben versucht: Verhaltensökonomie oder auch Behavioral Economics. Und nicht wenige Verhaltensökonomen betonen, dass eine Berücksichtigung ihrer Erkenntnisse von Seiten der Politik vergangene Finanz- oder Wirtschaftskrisen hätten verhindern können.... Und... An welche Finanzkrise haben Sie beim Lesen des letzten Satzes gedacht? An die Eurokrise? Dann sind Sie wahrscheinlich in der Mehrheit...

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Amos Tversky & Daniel Kahneman

Titel: Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases

Zeitschrift: Science

Publikationsjahr: 1974

 

 

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