Handelt der Mensch intuitiv kooperativ oder egoistisch?

 

 

Im Trailer eines geplanten Filmprojektes über Bewusstseinswandel in der Wirtschaft beschreibt Prof. Tania Singer vom Max Planck Institut in Leipzig unsere Gesellschaft wie folgt: "Es gibt eine Überinterpretation des "Ich", der Leistung und eine Unterinterpretation des Seins." Diese Aussage erinnert in Teilen an das Modell des homo oeconomicus aus der Volkswirtschaftslehre, welches den Menschen als rationalen Maximierer des Eigennutzens beschreibt. Und in der Tat kann zurzeit der Eindruck entstehen, dass wir in einem Zeitalter der Einzelkämpfer leben. Deutschlands Jugendliche werden immer egoistischer und ein harter wirtschaftlicher Wettbewerb schafft einen Nährboden für die Ellenbogenmentalität. Dass dieses Einzelkämpfer-Dasein jedoch kein gesellschaftliches Optimum darstellt, ist wohl dem Großteil der Menschen klar. Aber gibt es eine Alternative? In der Einleitung eines Vortrags zeichnet der bekannte Hirnforscher Prof. Gerald Hüther ein hoffnungsvolles Bild, indem er sich einer Analogie aus der Biologie bedient. "Gemeinsam sind wir stärker", könnte der Ansatz gewesen sein, der die Einzeller vor langer Zeit dazu veranlasst hat, sich mit anderen Einzellern zusammenzuschließen und Vielzeller zu bilden. Nun wird es wohl keinen derartigen Zusammenschluss unter Menschen geben, eine stärkere Konzentration auf das "Wir" wäre jedoch denkbar. Ob solch ein Szenario realistisch ist, hängt allerdings maßgeblich davon ab, inwieweit Menschen grundsätzlich kooperativ oder egoistisch sind. Denn wenn wir von Natur aus eher egoistisch sind, dann bliebe die "Wir-Gesellschaft" wohl nichts weiter als eine Idee. Eine in diesem Zusammenhang spannende Publikation aus Harvard bzw. Yale untersuchte, ob wir intuitiv eher kooperativ oder egoistisch agieren.

 

1955 Studienteilnehmer in insgesamt 10 Studien spielen ökonomische Spiele

In insgesamt 10 Studien untersuchten die Forscher David Rand, Joshua Greene und Martin Nowak das Verhalten von Menschen in ökonomischen Spielen. Neben dem bekannten Gefangenendilemma, wo das beste Gesamtergebnis durch Kooperation bei gleichzeitigen Anreizen für egoistisches Verhalten erzielt wird, spielten die Studienteilnehmer ein Investitionsspiel, welches einem ähnlichen Prinzip folgt. Ausgestattet mit 0,40 US-Dollar konnten vier Mitspieler entscheiden, welchen Anteil dieses Betrages sie in ein fiktives Projekt investieren wollten. Der entstandene Gesamtbetrag wurde verdoppelt und unabhängig von der Investitionshöhe unter allen Mitspielern gleichmäßig aufgeteilt.  Aus der Perspektive eines Einzelnen wäre das lukrativste Szenario, wenn er/sie nichts und gleichzeitig die anderen drei Mitspieler ihren gesamten Betrag investierten. Egoistisches Verhalten wäre dadurch zwar rational, allerdings könnte der größtmögliche Gesamtnutzen erwirtschaftet werden, wenn sich alle Mitspieler maximal kooperativ verhielten.

Im Speziellen interessierte die Forscher Rand, Greene und Nowak die Frage, inwieweit Entscheidungen über die Investitionshöhe von der Art der Entscheidung (intuitiv vs. reflektiert) abhingen. Es galt herauszufinden, ob kooperatives Verhalten eher intuitiv und egoistisches Verhalten das Ergebnis einer gedanklichen Abwägung ist oder aber das Gegenteil der Fall ist.

„We ask whether people are predisposed towards selfishness, behaving cooperatively only through active self-control; or whether they are intuitively cooperative, with reflection and reasoning favoring 'rational' self-interest.“ [Rand et al., 2012]

Die Art der Entscheidung leiteten die Forscher beispielsweise von der Entscheidungsdauer ab, indem sie schnelle Entscheidungen (maximal 10 Sekunden für die Entscheidungsfindung) als intuitiv und langsamere Entscheidungen (mehr als 10 Sekunden) als durchdacht operationalisierten. 

„We begin by examining subjects' decision times. The hypothesis that self-interest is intuitive, with pro sociality requiring reflection to override one's selfish impulses, predicts that faster decisions will be less cooperative. Conversely, the hypothesis that intuition preferentially supports prosocial behaviour, whereas reflection leads to increased selfishness, predicts that faster decisions will be more cooperative.“ [Rand et al., 2012]

In anderen Studien griffen die drei Forscher auf Priming zurück um die Entscheidungsfindung der Studienteilnehmer zu beeinflussen. Die Teilnehmer wurden dabei angewiesen, schriftlich über eine Situation zu reflektieren, in der sich entweder intuitives oder durchdachtes Verhalten als der bessere Ansatz herausgestellt hatte. In den anschließenden Spielen wurde das Verhalten der Teilnehmer in Abhängigkeit von der jeweiligen Priming-Kategorie beobachtet.

„We next used a conceptual priming manipulation that explicitly invokes intuition and reflection.“ [Rand et al., 2012]

 

Im Durchschnitt sind intuitive Entscheidungen kooperativer und durchdachte Entscheidungen egoistischer

In allen durchgeführten Studien kristallisierte sich heraus, dass die Teilnehmer intuitiv eher prosozial und kalkulativ eher egoistisch agierten. In einer Studie, wo lediglich eine Runde des vorgestellten Investitionsspiels gespielt wurde, steuerten die Teilnehmer mit schneller Entscheidungsfindung bedeutend mehr bei, als die Teilnehmer, die sich mehr Zeit für die Entscheidung ließen. Insbesondere interessant war, dass Personen mit der kürzesten Entscheidungsdauer am meisten in das Projekt investierten und die Beteiligungshöhe der Mitspieler mit steigender Entscheidungsdauer abnahm.

„Faster decisions result in substantially higher contributions compared with slower decisions. Furthermore, [...] we see a consistent decrease in contribution amount with increasing decision time.“ [Rand et al., 2012]

Auch bei der Priming-Manipulation und Experimenten mit vorgegebener Entscheidungszeit zeichneten sich ähnliche Verhaltensmuster ab wie in den vorangegangenen Studien.

„Consistent with the seven experiments described above, we find that contributions are significantly higher when subjects are primed to promote intuition relative to reflection.“ [Rand et al., 2012]

„Subjects in the time-pressure condition contribute significantly more than subjects in the time-delay condition.“ [Rand et al., 2012]

Die sich darstellende intuitiv-kooperative Ader des Menschen führten die Forscher auf alltägliche Heuristiken zurück. Im Alltag ist kooperatives Verhalten auf Grund eines sich wenig verändernden Umfelds häufig von Vorteil. Soziale Interaktionen wiederholen sich und die eigene Reputation könnte sich durch stark egoistisches Verhalten maßgeblich verschlechtern. Das mit einer längeren Entscheidungsdauer assoziierte egoistische Verhalten erklärten die Forscher durch die Rahmenbedingungen der Spiele. Die Mitspieler interagierten einmalig mit anderen, unbekannten Mitspielern, weswegen das eigene Verhalten keine Auswirkungen auf beispielsweise die Reputation im Arbeitsumfeld hat. 

 

Fazit 

Auch wenn eine "Wir-Gesellschaft" eine schöne Idee ist, dürfte sich ein gesellschaftlicher Wandel als herausfordernd darstellen. Diese Studie zeigt zwar, dass wir intuitiv eher kooperativ reagieren, führt diese Erkenntnis jedoch auf kulturelle Rahmenbedingungen zurück. Rückschlüsse auf eine grundsätzlich kooperative Natur des Menschen können anhand dieser Studienergebnisse daher noch nicht gezogen werden. Dennoch besitzen diese Studienergebnisse herausragende positive Implikationen, zeigen sie doch deutlich auf, dass durch heutige Sozialisation die Mehrheit der Menschen (bzw. der Studienteilnehmer) bereits intuitiv kooperativ agiert. Rückt man diese Erkenntnis nun in den aktuellen Wirtschaftskontext und vergegenwärtigt sich die Informationsexplosion, ist es sogar wahrscheinlich, dass kooperatives Verhalten in Zukunft noch relevanter wird. Repräsentative Umfrageergebnisse aus Deutschland (2013) zeigen, dass nur 17% aller Arbeitnehmer ab 18 Jahren eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Unternehmen besitzen und sich die volkswirtschaftlichen Kosten auf Grund von innerer Kündigung jährlich auf etwa 100 Milliarden Euro belaufen. Eine mögliche Interpretation dieser Ergebnisse wäre, dass zwar formell und fachlich in Unternehmen kooperiert wird, aber Potentiale auf emotional-empathischer Ebene existieren, was ein weiterer, zentraler Baustein für erfolgreiche Kooperation ist. Da Führungskräfte maßgeblichen Einfluss auf das Arbeitsklima und damit auch auf das Kooperationsverhalten ausüben, müsste in diesem Zusammenhang vor allem auch über Anforderungen an moderne Führungskräfte diskutiert werden.

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: David G. Rand, Joshua D. Greene & Martin A. Nowak

Titel: Spontaneous Giving and Calculated Greed

Zeitschrift: Nature

Publikationsjahr: 2012

 

 

Bildquelle: flickr.com / John Spooner