Kreativität braucht ungewohnte Erfahrungen

 

 

Die Innovationsfähigkeit von Unternehmen wird häufig als einer der kritischen Erfolgsfaktoren für zukünftige Wettbewerbsfähigkeit gesehen. Auf Grund beschleunigender Innovationszyklen und gleichzeitig kürzeren Produktlebenszyklen wächst der Druck auf Unternehmen stetig. Nur wer rechtzeitig neue Produkte auf den Markt bringen kann, wird im globalen Wettbewerb bestehen können. Aber wer innovativ sein möchte, braucht dafür kreative Ideen. Und diese kommen vor allem auch von den Mitarbeitern. Das erkennen Unternehmen und suchen Leute, die „um die Ecke denken“ können. Aber was beeinflusst überhaupt die Kreativität der Mitarbeiter? Ist Kreativität „angeboren“ oder erlernbar? Neben Faktoren wie intrinsischer Motivation fand ein Forscherteam aus den Niederlanden und den Vereinigten Staaten vor kurzem eine weitere Ursache für Ideenreichtum: diversifizierende Erfahrungen!

 

Diversifizierende Erfahrungen sind ungewöhnlich und unerwartet

Es ist bemerkenswert, dass hochgradig kreative Personen überproportional häufig unerwartete und ungewöhnliche Ereignisse erfahren haben. Dazu zählen beispielsweise die Immigration in ein anderes Land oder aber der Verlust eines Elternteils.

„[...] highly creative individuals often experience a disproportionate number of unusual and unexpected events, such as early parental loss or having an immigrant status.“ [Ritter et al., 2012]

Die Forscher vermuteten aber, dass auch weniger schwerwiegende und dennoch ungewöhnliche Erfahrungen die eigene Kreativität zumindest ein Stück weit positiv beeinflusst. Dabei differenzierte das Forscherteam zwischen einer aktiven und einer passiven Auseinandersetzung mit ungewöhnlichen Ereignissen. Während das reine Zuschauen (zum Beispiel in Form von Videos) als passive Auseinandersetzung qualifizert, referenziert aktive Auseinandersetzung auf das eigene Erleben.

 

Ein virtueller Raum mit unbekannter Physik

Für das Erleben einer ungewöhnlichen Erfahrung griffen die Forscher im ersten Experiment auf eine virtuelle Umgebung zurück. Diese modellierte eine existierende Cafeteria auf einem Universitätsgelände. Insgesamt 61 Studenten nahmen an der Studie teil. Aufgeteilt in drei Gruppen, sollte die „aktiv-ungewöhnlich“ Gruppe drei Minuten durch die virtuelle Umgebung laufen. Gleichzeitig wurden die physikalische Rahmenbedingungen manipuliert: Ein Koffer in der virtuellen Umgebung wurde immer kleiner, je näher sie dem Koffer kamen und immer größer, je weiter sie sich davon entfernten. Die zweite Gruppe („aktiv-normal“) hielt sich drei Minuten in der virtuellen Umgebung auf, ohne, dass physikalische Rahmenbedingungen manipuliert wurden. Und die letzte Gruppe („passiv-ungewöhnlich) sah lediglich einen Film über die Manipulation von Gruppe 1, ohne selbst in die virtuelle Umgebung abzutauchen.

Das Ergebnis: Bei einem anschließenden Test sollten alle Studienteilnehmer möglichst viele Antworten auf die Frage „Was macht Geräusche?“ finden. Die Gruppenmitglieder der Gruppe „aktiv-ungewöhnlich“ generierte durchschnittlich die meisten Antworten, während die beiden anderen Gruppen bei etwa gleich vielen Antworten auf Platz landeten.

„[...] Experiment 1 showed that actively (but not vicariously) experiencing unusual and unexpected events enhances people’s cognitive flexibility.“ [Ritter et al., 2012]

 

Auch gewöhnliche Routinen können zur ungewöhnlichen Erfahrung werden

In Experiment 2 wollte das Forscherteam herausfinden, ob sogar das Durchbrechen einfacher Routinen die eigene Kreativität erhöhen kann. Analog zu Experiment 1 wurden 68 Studienteilnehmer in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt. Anstelle einer virtuellen Umgebung mit manipulierten physikalischen Rahmenbedingungen wurde in diesem Experiment jedoch eine gewöhnliche Routineaufgabe manipuliert: Die Vorbereitung eines Sandwiches. Ein Teil der Probanden wurde angewiesen ein Sandwich mit Butter und Schokoladenchips (ein beliebtes Frühstück in den Niederlanden) in ungewohnter Reihenfolge vorzubereiten – erst ein Brot mit Schokoladenchips belegen, dann ein anderes mit Butter beschmieren und anschließend beide Brothälften aufeinanderlegen.

Das Ergebnis: Bei ähnlichen Aufgaben wie in Experiment 1 generierten die Studienteilnehmer der Gruppe „aktiv-ungewöhnlich“ die meisten Antworten auf die Fragen „Was macht Geräusche?“ und „Was kann man mit einem Ziegelstein machen?“

 „[...] we found that participants in the „Active-Schema-Violation“ condition were higher in cognitive flexibility ,than participants in the „Active-Schema-Normal“ condition, than participants in the „Vicarious-Schema-Violation“ condition, and than participants in the „Vicarious-Schema-Normal“ condition.“ [Ritter et al., 2012]

  

Fazit:

Wie diese Experimente zeigen konnten, können ungewöhnliche Erfahrungen die Ideenvielfalt steigern. Dennoch sollten hier nur mit Vorsicht Rückschlüsse auf die Kreativität gezogen werden. Kreativität wird in der Literatur häufig als die Generierung von neuen und nützlichen Ideen definiert. Die vorliegende Publikation spezifiziert jedoch nicht konkret, inwieweit die generierten Antworten zu der Frage „Was macht Geräusche?“ wirklich als kreativ eingestuft werden können. Auf der anderen Seite scheint es aber wahrscheinlich, dass bei einer großen Anzahl an Ideen mehr Ideen als kreativ bewertet werden können, als bei einer geringeren Anzahl. Daher sollte man einfach mal ausprobieren, Dinge anders zu machen als gewohnt: Zähneputzen mit der anderen Hand, den anderen Schuh zuerst anziehen (wir ziehen gewohnheitsmäßig meist erst einen bestimmten Schuh an und dann den anderen) oder ein neues Mittagessen.

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Simone M. Ritter, Rodica Ioana Damian & colleagues

Titel: Diversifying experiences enhance cognitive flexibility

Zeitschrift: Journal of Experimental Social Psychology

Publikationsjahr: 2012

 

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