Lohnt sich Dankbarkeit? Die Wissenschaft sagt ja!

 

Das Konzept der Dankbarkeit besitzt eine lange Historie und lässt sich kulturübergreifend in den großen Weltreligionen wie dem Judentum, dem Christentum, dem Islam, dem Buddhismus oder dem Hinduismus wiederfinden. Auch weltliche Würdenträger haben schon lange die Relevanz von Dankbarkeit betont. So bezeichnete der römische Redner und Konsul Cicero Dankbarkeit vor mehr als 2000 Jahren als "Größte aller Tugenden" und "die Mutter aller Tugenden".

Im Jahr 1985 definierte der Psychologe Bernhard Weiner die Emotion Dankbarkeit als zweistufigen kognitiven Prozess: Der Wahrnehmung eines positiven Ereignisses folgt die Realisierung, dass eine externe Quelle (andere Person, Natur, Gott, etc.) für das positive Ereignis verantwortlich ist. Dabei wurde Dankbarkeit in der Vergangenheit nicht nur als Emotion, sondern auch als Einstellung, als Wert, als Gewohnheit oder als Charaktereigenschaft konzeptualisiert.

Grundsätzlich neu ist allerdings das hohe wissenschaftliche Interesse an Dankbarkeit, welches sich insbesondere nach der Ausrufung der Positive Psychologie im Jahr 1998 durch Martin Seligman entwickelte. Insbesondere unter Berücksichtigung der Set-Point Theorie, welche die ständige Rückkehr des Menschen zu einem genetisch bedingten Wohlfühllevel zum Inhalt hat, scheinen die Forschungsvorhaben notwendig und nicht trivial.

Eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2003 stellt die positiven Effekte einer Dankbarkeitsintervention heraus. Hier untersuchten die beiden bekannten Dankbarkeitsforscher Robert Emmons und Michael McCullough die psychologischen und physischen Effekte einer Dankbarkeitsintervention anhand von drei experimentellen Studien.

 

Studie 1: Dankbarkeit erhöht Optimismus und reduziert physische Beschwerden

Ablauf: In der ersten Studie wurden 192 Studenten per Zufall einer von drei Gruppen zugeteilt. Neben einer "Dankbarkeitsgruppe" existierte eine "Ärgergruppe" und eine "Ereignisgruppe". In diesen Gruppen wurden die Studenten angewiesen im Rahmen von 10 Wochen einmal wöchentlich über Dinge, für die sie dankbar waren (Dankbarkeitsgruppe), Dinge, über die sie sich geärgert hatten (Ärgergruppe) oder Dinge, die während der Woche passiert sind (Ereignisgruppe), zu reflektieren. Zusätzlich sollten sie die Häufigkeit der in der vergangenen Woche erlebten affektiven Zustände, wie beispielsweise Ruhe, Interesse, Dankbarkeit, Stress oder Wut festhalten. Daneben wurden auch Angaben zu physischen Beschwerden, wie beispielsweise Kopf- oder Halsschmerzen, die Reaktion auf angebotene Hilfe in schwierigen Situationen und eine zusammenfassende, globale Einschätzung des wahrgenommenen Wohlbefindens erfasst.

Ergebnis: Im Vergleich zu den beiden anderen Gruppen zeigte die Dankbarkeitsgruppe weniger physische Beschwerden, war sportlich aktiver und optimistischer bezüglich des wahrgenommenen Wohlbefindens und ihrer Erwartungen für die folgende Woche.

„Relative to the hassles and life events groups, participants in the gratitude condition felt better about their lives as a whole, and were more optimistic regarding their expectations fort he upcomming week. They reported fewer physical complaints and reported spending significantly more time exercising.“ [Emmons & McCullough, 2003]

Da die Intervention bei dieser Studie jedoch nur einmal wöchentlich stattfand, wollten die Forscher zusätzlich Effekte einer täglichen Intervention untersuchen.

 

Studie 2: Dankbarkeit erhöht positive affektive Zustände und prosoziales Verhalten

Ablauf: Studie 2 umfasste insgesamt 157 studentische Teilnehmer, die, wie bereits in Studie 1, zufällig auf drei verschiedene Gruppen aufgeteilt wurden. Dieses Mal sollten die Teilnehmer innerhalb von etwa zwei Wochen jeweils täglich einen Bericht ausfüllen. Analog zur ersten Studie gab es eine Dankbarkeitsgruppe und eine Ärgergruppe. Statt einer Ereignisgruppe wurde bei dieser Studie jedoch eine Sozialvergleichsgruppe eingeführt, welche die Instruktion erhielt über Dinge (Besitztümer oder Fähigkeiten) zu reflektieren, wo sie sich besser als andere fühlten. Dadurch sollte eine weitere Bedingung berücksichtigt werden, die positive Emotionen hervorrufen kann, um auszuschließen, dass die Mitglieder der Dankbarkeitsgruppe auf Grund von wahrgenommenen Anforderungsmerkmalen bewusst eine erhöhte positive Affektivität angaben ("Ich bin in der Dankbarkeitsgruppe. Das muss meine positiven Emotionen erhöhen, also gebe ich das auch beim Fragebogen an." - Dieses Phänomen wird als demand characteristics bezeichnet). Neben der in Studie 1 eingeführten Erfassung affektiver Zustände und physischer Beschwerden wurde die sportliche Aktivität und prosoziales Verhalten der Studienteilnehmer erfasst.

Ergebnis: Bei der Dankbarkeitsgruppe wurde im Vergleich zu beiden anderen Gruppen ein höheres Level an positiven affektiven Zuständen festgestellt. Dies führten die Forscher darauf zurück, dass durch die Dankbarkeitsintervention das Dankbarkeitslevel der Teilnehmer erhöht wurde, wodurch sie empfänglicher für derartige Zustände waren.

„People in the gratitude condition experienced higher levels of positive affect during the 13-day period, and it appears plausible that this effect on positive affect generally was due to the intervention’s effect on gratitude per se.“ [Emmons & McCullough, 2003]

Außerdem wirkte sich die Dankbarkeitsintervention positiv auf das prosoziale Verhalten der Gruppenmitglieder aus. In den Fragebögen gaben sie an, anderen Personen häufiger bei persönlichen Problemen unterstützt zu haben. Im Gegensatz zu Studie 1 konnten jedoch keine Auswirkungen auf das sportliche Verhalten oder auf physische Beschwerden festgestellt werden.

Da diese Studie insgesamt nur zwei Wochen andauerte und sowohl Studie 1, als auch Studie 2 nur studentische Teilnehmer hatte, beschlossen die Forscher abschließend eine weitere, dreiwöchige Studie mit täglicher Intervention und einer anderen Teilnehmergruppe durchzuführen.

 

Studie 3: Dankbarkeit erhöht auch bei chronischen Kranken das Wohlbefinden

Ablauf: An der letzten Studie nahmen insgesamt 65 Personen mit Neuromuskulären Erkrankungen (wodurch zum Beispiel Teile der Muskulatur gelähmt werden können) teil. Diese wurden in eine Dankbarkeits- und eine Kontrollgruppe unterteilt. Die Dankbarkeitsgruppe erhielt die gleiche Intervention wie in den vorherigen Studien und sollte über einen Zeitraum von drei Wochen täglich affektive Zustände, gesundheitsrelevante Faktoren (Menge an Schlaf und erlebte Schmerzen) und das wahrgenommene Wohlbefinden festhalten. Die Kontrollgruppe erhielt den gleichen Fragebogen allerdings ohne Intervention. Zusätzlich sollte jeweils ein Beobachter (Lebenspartner oder andere wichtige Bezugsperson) das wahrgenommene Wohlbefinden der Studienteilnehmer dokumentieren.

Ergebnis: Wie schon in Studie 1 verbesserte sich die wahrgenommene Lebenszufriedenheit und die Erwartungen an die nächste Woche bei der Dankbarkeitsgruppe im Gegensatz zur Kontrollgruppe.

„[...]participation in the gratitude condition led to substantial and consistent improvements in people’s assessments of the global well-being.“ [Emmons & McCullough, 2003]

Des Weiteren schliefen die Mitglieder der Dankbarkeitsgruppe mehr und wurden von Beobachtern als glücklicher eingeschätzt als die Kontrollgruppe.

„The participants in the gratitude condition were rated as higher in positive affect and life satisfaction than the participants in the control condition.“ [Emmons & McCullough, 2003]

 

Fazit

Diese Publikation fasst anhand von drei Studien mögliche positive Effekte von Dankbarkeitsinterventionen zusammen. Neben einer Zunahme an erlebten positiven Affekten konnte auch ein Rückgang physischer Beschwerden und eine höhere Zufriedenheit insgesamt festgestellt werden. Wie bei vielen psychologischen Studien müssen jedoch auch hier die Ergebnisse mit angemessener Vorsicht interpretiert werden. Ein Problem bei der Erfassung von wahrgenommener Zufriedenheit und erlebten Affekten mit Hilfe von Fragebögen ist die auftretende Verzerrung. Gerade eine Intervention mit dem Ziel positive Emotionen hervorzurufen könnte die subjektive Bewertung der Teilnehmer verzerrt haben (wenn wir glücklich sind, bewerten wir Dinge positiver). Ein weiterer Effekt, der auftreten könnte ist die Adaption an die Intervention, wodurch sie zwar kurzfristig einen positiven Effekt bei den Teilnehmern hervorruft, dieser langfristig aber immer schwächer werden könnte.

Auf der anderen Seite spricht gerade auch die veränderte Wahrnehmung der Beobachter in Studie 3 dafür, dass Dankbarkeit als Intervention einen messbaren Nutzen hat. Eine schriftliche Reflexion über Dinge, für welche man dankbar ist könnte daher helfen, das subjektive Wohlbefinden insgesamt zu steigern. Insbesondere durch Variation der Intervention (Dankbarkeit für Personen, für Gesundheit, für die Natur, etc.) könnte hier ein starker positiver Effekt entstehen.

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Robert A. Emmons & Michael E. McCullough

Titel: Counting Blessings versus Burdens: An Experimental Investigation of Gratitude and Subjective Well-Being in Daily Life

Zeitschrift: Journal of Personality and Social Psychology

Publikationsjahr: 2003

Studienteilnehmer: Studie 1: 192; Studie 2: 157; Studie 3: 65

 

 

Bildquelle: Rainer Sturm / pixelio.de