5 Gründe warum Empathie im 21. Jahrhundert wichtiger werden wird

  © Lisa   Feitsch

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Der amtierende US-amerikanische Präsident Barack Obama sprach bereits im Dezember 2006 von einem Empathie-Defizit in den USA bei einer Gala der gemeinnützigen Organisation Kids in Distressed Situations (K.I.D.S.). Einem Defizit, welches es zu minimieren gelt, wenn wir die gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit besiegen möchten. Was genau meinte Obama mit Empathie? Was bedeutet dieser Begriff? Empathie beschreibt die Fähigkeit, sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen. Sie kann das Ergebnis eines rationalen Gedankenprozesses sein, wenn wir beispielsweise verstehen, warum sich jemand ärgert. Empathie kann uns aber auch auf emotionaler Ebene begegnen, wenn wir Bilder von verarmten Kindern oder großer Ungerechtigkeit sehen. Dieser Anblick berührt uns emotional, lässt uns ein Stück weit anteilnehmen. Letztlich geht es bei Empathie immer um ein Verständnis für andere. Und Empathie als Stärke wird zukünftig wichtiger werden!

Im letzten Blogartikel wurde diskutiert, inwieweit der Fortschritt in der künstlichen Intelligenz dazu führen kann, dass Empathie eine wichtige Stärke der Zukunft wird. Intelligente Computeralgorithmen werden die Berufswelt stark verändern, indem sie Teile der menschlichen Kopfarbeit ersetzen. Das hat zur Folge, dass sich die Anforderungen an menschliche Arbeit ähnlich wie im Zuge der ersten industriellen Revolution verändern werden. Es ist zu erwarten, dass die Berufswelt neben kognitiver Intelligenz verstärkt auch emotionale Intelligenz und Empathie erfordert. Neben dem Fortschritt im Bereich der künstlichen Intelligenz gibt es aber noch weitere Gründe, warum Empathie im 21. Jahrhundert relevanter denn je wird.

 

1. Migrationsbewegungen schulen interkulturelle Kompetenzen und Empathie

Die Welt wächst zusammen. Das zeigt sich nicht nur in Unternehmen, wo MitarbeiterInnen aus den verschiedensten Ländern zusammen arbeiten, sondern ist auch Ergebnis internationaler Migrationsbewegungen. Der kulturelle Pluralismus wird durch die aktuellen Flüchtlingsbewegungen auch in Europa Einzug halten. Die dabei entstehende Auseinandersetzung mit anderen Kulturen erlaubt die eigene Kultur zu reflektieren und schult gleichzeitig wichtige Kompetenzen im Umgang mit anderen Kulturen. Die Integration kann und wird in der Interaktion gelingen, was letztlich auch die Fähigkeit zur Empathie in Europa fördert. Schließlich folgt aus der Interaktion die Realisierung der gemeinsamen Menschlichkeit und das führt zu einem Abbau des Denkens in „Wir“- und „Die“-Kategorien. Das die Fluchtbewegungen einen konträren Effekt haben werden, der den Rechtspopulismus in Europa etabliert, ist zwar möglich aber unwahrscheinlich. Der Rechtsruck resultiert aus Ängsten, die durch bestimmte Medien und PolitikerInnen gezielt geschürt und instrumentalisiert werden. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass sich dieser zurückentwickelt, wenn die Ängste überwunden werden. Und das passiert in der Interaktion, die sich – ob man nun möchte oder nicht – gar nicht vermeiden lässt. Der Königsteiner Schlüssel sorgt dafür, dass Geflüchtete in Deutschland auf alle Bundesländer in ganz Deutschland verteilt werden. Und schaut man auf Städte wie Berlin oder Hamburg wünscht man sich sogar, dass möglichst viele Gemeinden durch die Geflüchteten und die damit verbundenen Lernpotenziale profitieren können. Multikulti ist nicht gescheitert, sondern die Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert! Und das fördert auch die Empathie.

 

2. Gesellschaftliche Herausforderungen zwingen zum Umdenken

  © Lisa   Feitsch

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Die aktuelle Leistungsgesellschaft führt zur Vereinzelung und zu einer zunehmenden sozialen Kälte in Europa. Viele sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie diejenigen vergessen, die weniger privilegiert sind. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, hat in einem kürzlich veröffentlichten Interview auf Zeit Online über die Illusion der Chancengleichheit in Deutschland gesprochen. Denn während auf der einen Seite einige wenige Menschen an ihrem sozialen Aufstieg arbeiten, bleibt es einer Vielzahl auf Grund von strukturellen Problemen verwehrt. Die unteren 40 Prozent werden abgehängt und gleichzeitig werden die Reichen immer reicher, so der Chef des Instituts im Interview. Wenn eine Gesellschaft aber bei all ihrem Wohlstand diejenigen vergisst, die abgehängt werden, dann sind soziale Unruhen doch quasi vorprogrammiert. Es braucht daher empathische PolitikerInnen, die mit klugen Konzepten daran arbeiten, die freie Marktwirtschaft in Europa wieder sozial zu machen und strukturelle Barrieren für den ärmeren Teil der Bevölkerung abzubauen. Eine zukünftig erfolgreiche Politikerin bzw. ein zukünftig erfolgreicher Politiker bringt daher Empathie mit.

 

3.  Empathische Führungskräfte werden zum Wettbewerbsvorteil für Unternehmen

Der globale Wettbewerb hat sich intensiviert und in seiner Folge Unternehmen stark unter Druck gesetzt. Unternehmerischer Erfolg wird auch im 21. Jahrhundert maßgeblich mit den Fähigkeiten der Führungskräfte zusammenhängen, allerdings wird sich das Führungsideal zum vorherigen Jahrhundert deutlich geändert haben. Statt der „starken“ Führungskraft werden insbesondere die Führungskräfte besonders effektiv sein,  die die Potenziale ihrer MitarbeiterInnen entfalten können. Führungskräfte werden stärker im Hintergrund agieren und ihre MitarbeiterInnen coachen. Sie werden die Aufgabe haben, die optimalen Rahmenbedingungen für effektive Zusammenarbeit im Team zu schaffen und Konflikte schnell zu beseitigen. Sie müssen global denken und die kulturelle Identität ihrer Mitarbeiter berücksichtigen. Das alles ist nur möglich, wenn diese Führungskräfte über das nötige Maß an Empathie verfügen. Darüber hinaus kann eine empathische Chefin oder ein empathischer Chef auch zum Zwecke des Personalmarketings eingesetzt werden und dadurch Talente aus aller Welt anlocken. Viele wünschen sich schließlich einen Chef, der sie versteht und fördert.

 

4. Fehlverhalten wird transparenter

Im Spiegel schreibt Heiner Thorborg, einer der profiliertesten Personalberater in Deutschland, dass „viele Probleme in der Wirtschaft auf Menschen mit psychischen Problemen, insbesondere auf Narzissten und Psychopathen, zurückgehen.“ Diese Probleme zeigen sich, wenn Ex-Weltwährungsfondschef Dominique Strauss-Kahn Frauen als Objekte behandelt oder wenn der ehemalige McKinsey-Chef Rajat Gupta trotz hohen Gehalts mit Insider Wissen an der Börse pokert. Auch bei der letzten großen Finanzkrise ist davon auszugehen, dass sie wesentlich durch Narzissten mitverursacht wurde, die durch hochriskantes und ethisch verwerfliches Verhalten ihre eigenen Gewinne zu erhöhen suchten. Doch ein derartiges Fehlverhalten dringt durch die neuen Medien schneller an die Öffentlichkeit als jemals zuvor. Dank Facebook und Twitter weiß innerhalb kürzester Zeit die ganze Welt von Abgasskandalen oder den gefährlichen Inhaltsstoffen von Anti-Babypillen, was zweifelsfrei auch die Kaufentscheidung von KäuferInnen beeinflusst. Die Marke und das Image eines Unternehmens ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal. Ein hoher Anteil an empathischen MitarbeiterInnen im Unternehmen kann einem Imageverlust vorbeugen, indem sie ethisch richtige Entscheidungen treffen. Für Unternehmen ist es daher ratsam, wenn sie verstärkt auch auf die Empathiefähigkeit der MitarbeiterInnen achten und sich nicht nur durch ein selbstbewusstes Auftreten allein überzeugen lassen.

 

5. Generation Y denkt anders

Eine höhere Relevanz von Empathie zeigt sich auch in einigen Trends der Generation Y (die Bevölkerungskohorte, die im Zeitraum von 1980 bis 2000 geboren wurde), die zukünftig noch deutlich stärker gesellschaftliche Do’s und Don’t’s prägen wird. Die Statussymbole dieser Generation sind nicht mehr der Besitz und Konsum von Gütern, sondern Reisen und internationale Freundschaften. Statt Autos oder Werkzeug zu besitzen, nutzen viele sogenannte Sharing-Angebote (Car-Sharing), wo sich mehrere Menschen ein Auto oder eine Bohrmaschine teilen. Auch reisen und die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen wird merklich wichtiger und fördert dadurch interkulturellen Austausch und Empathie. Sogar die spezies-übergreifende Empathie scheint zuzunehmen, da sich ein immer größerer Anteil an jungen Menschen vegetarisch oder vegan ernährt. Gleichzeitig hat sich die Definition von erfüllender Arbeit geändert. Denn anstatt materialistischen Wohlstand zu erhöhen, ist ein guter Beruf heute vor allem sinnstiftend. Und sinnvoll ist etwas insbesondere dann, wenn der eigene Beruf einen positiven Einfluss auf das Leben anderer Menschen hat. So ist es nicht überraschend, dass so viele Social- oder Klima-Start-Ups gegründet werden, denn beide wollen die Welt ein Stückchen besser machen. Die Traumberufe der Zukunft konzentrieren sich darauf, anderen zu helfen und das verlangt Empathie.

Diese fünf Beispiele zeigen, warum Empathie im 21. Jahrhundert immer wichtiger wird. Das ist ein gutes Zeichen, denn Empathie ist wohl eine der wichtigsten Eigenschaften in einer immer stärker verwobenen Welt. Nationalstaatliches Klein-Klein wird nicht mehr funktionieren und Empathie wird dabei helfen, den Übergang zu einem friedlichen internationalen Miteinander zu gestalten. Nationalistische Führungskräfte wie der US-amerikanische Milliardär Donald Trump werden früher oder später auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, wenn sie realisieren, dass eine faire Kooperation zwangsläufig bessere Ergebnisse für alle Beteiligten erzielt. Es geht nach vorn, die Welt wird besser, auch wenn das nicht von heute auf morgen passieren wird. Auf weitere Trends, die optimistisch stimmen, wird auch der nächste Artikel auf subwo eingehen.