Was war zuerst da? Der Erfolg oder das Wohlbefinden?

 

 

„Wenn ich dieses oder jenes Ziel erreiche, dann bin ich glücklich.“ Diese Aussage kennt wohl fast jeder Mensch und jeder wird wohl schon die Erfahrung gemacht haben, dass nach der Erreichung von Zielen neue Ziele warten, die es zu erreichen gilt. Und wieder ist die Aussage dabei: „Wenn ich dieses Ziel erreiche, dann bin ich wirklich glücklich.“ Es mag wohl stimmen, dass die Verfolgung von Zielen, Selbstverwirklichung oder Erfolg ihren Beitrag zum subjektiven Wohlbefinden leisten. Dennoch gewöhnen wir uns vergleichsweise schnell an das erreichte Ziel und stecken uns neue Ziele, die wir verfolgen. In dieser Logik folgt das Wohlbefinden dem Erfolg. Aber funktioniert die Logik auch andersherum? Folgt Erfolgt vielleicht auch dem Wohlbefinden? Dieser Frage sind die drei Forscher Sonja Lyubomirsky, Laura King und Ed Diener in einer umfassenden Metaanalyse nachgegangen.

 

Ablauf der Metaanalyse

Im Kontext dieser Publikation definieren die Forscher Wohlbefinden als "häufiges Erleben positiver Emotionen und seltenes Erleben negativer Emotionen". Um einen möglichen Kausalzusammenhang zwischen Wohlbefinden und späterem Erfolg herauszustellen, betrachteten sie insgesamt 225 wissenschaftliche Artikel. Unter Erfolg verstanden sie sämtliche Aspekte, die in westlichen Kulturen als wertvoll oder erstrebenswert angesehen werden. Dazu zählten beruflicher Erfolg, erfolgreiche soziale Beziehungen und Gesundheit. Darüber hinaus berücksichtigen sie erfolgsversprechendes Verhalten, zu welchem beispielsweise prosoziales Verhalten, Kreativität, sportliche Betätigung oder eine positive Selbstwahrnehmung gezählt wurden. Um hinreichend valide Aussagen über ihre Hypothese treffen zu können, betrachteten die Forscher drei verschiedene Arten von Studien:

1. Zunächst untersuchten sie Korrelationsstudien, um herauszufinden ob positive Emotionen positiv mit Erfolg bzw. erfolgsversprechendem Verhalten korrelieren.

2. Im Anschluss daran widmeten sie sich Längsschnittstudien. Hier wurde geschaut, ob dokumentierte positive Emotionen in der Vergangenheit (Zeitpunkt 1) mit Erfolg oder erfolgsversprechendem Verhalten zu einem späteren Zeitpunkt (Zeitpunkt 2) korrelierten.

3. Da diese beiden Arten von Studien jedoch keine validen Aussagen über die Richtung der Kausalbeeinflussung („Was beeinflusst jetzt was?“) zulassen, analysierten sie zusätzlich noch experimentelle Studien. Hierbei wurden gezielt positive Emotionen in Individuen hervorgerufen, um diesbezügliche Auswirkungen auf ihr erfolgsversprechendes Verhalten zu untersuchen.

 

1. Korreliert Wohlbefinden mit Erfolg bzw. erfolgsversprechendem Verhalten?

Hier konnten die Forscher herausfinden, dass eine hohe Frequenz an positiven Emotionen vor allem mit physischer und mentaler Gesundheit korreliert. Aber auch in puncto Arbeit (höheres Einkommen) oder Beziehungen (zufriedener mit Partner) waren glücklichere Individuen erfolgreicher als ihre weniger glücklichen Counterparts.

„In summary, our review of the cross-sectional empirical literature suggests that happiness is positively correlated with indicators of superior mental and physical health.[...] happy people appear to be more successful than their less happy peers in three primary life domains: work, relationships and health.“ [Lyubomirsky et al., 2005]

Auch auf erfolgsversprechendes Verhalten wirken sich positive Emotionen aus. Dazu zählen unter anderem eine bessere Selbstwahrnehmung, ein guter Umgang mit Stress, erhöhte Kreativität oder eine größere Konfliktlösungskompetenz.

„[...]long-term well-being and momentary positive affect are associated with a number of desirable characteristics, including positive construals of self and other, sociability and activity, good coping with distress [...] Chronically happy people and those in pleasant moods might be more creative and migh show superior conflict resolution skills.“ [Lyubomirsky et al., 2005]

 

2. Kommen positive Emotionen vor Erfolg bzw. erfolgsversprechendem Verhalten?

Auch hier konnten die Forscher viele Anzeichen dafür finden, dass häufig erlebte positive Emotionen späterem Erfolg vorausgehen. So konnten positive Emotionen zum Zeitpunkt 1 mit erfüllender Arbeit, zufriedenstellenden Beziehungen, guter mentale und körperlicher Gesundheit und Langlebigkeit zu einem späteren Zeitpunkt 2 assoziiert werden.

Eine Studie unter Nonnen ergab beispielsweise, dass in Tagebüchern festgehaltene positive Emotionen im jungen Alter mit einem geringeren Sterberisiko im hohen Alter korrelieren. Diejenigen mit den häufigsten positiven Emotionen waren durchschnittlich 2,5 mal häufiger am Leben. Dies ist insbesondere unter Berücksichtigung des homogenen Umfelds, in welchem sich Nonnen bewegen (relativ ähnliche Ernährung bzw. Tagesabläufe insgesamt) ein erstaunliches Ergebnis.

„Higher levels of positive emotion expressed in autobiographies written an average age of 22 were associated with a 2.5-fold difference in risk mortality when the nuns were in their 80s and 90s.“ [Lyubomirsky et al., 2005]

Auch wenn es wenige Studien gab, bei welchen positive Emotionen langfristig mit erfolgsversprechendem Verhalten in Verbindung gebracht werden konnten, unterstützen diese die Hypothese der Forscher. So wurde positive Affektivität von Mitarbeitern positiv mit Kreativitätsbewertungen ihrer Vorgesetzten anderthalb Jahre später assoziiert.

„[...] every single investigation we found corroborated the correlational findings in the direction predicted by our model. That is, both long-term happiness and short-term pleasant moods tend to precede the desirable characteristics, resources, and behaviors with which they are correlated. [...] (One study found that...) positive affect expressed on the job by employees predicted their supervisor’s evaluation of the employees’ creativity.“ [Lyubomirsky et al., 2005]

  

3. Verursachen positive Emotionen erfolgsversprechendes Verhalten?

Bei der letzten Kategorie von Studien wurden den Studienteilnehmern beispielsweise Videoclips gezeigt oder Geschenke gegeben mit dem Ziel positive Emotionen hervorzurufen. Anschließend wurde geschaut, wie sich deren erfolgsversprechendes Verhalten (bspw. Durchhaltevermögen bei Verhandlungen) im Vergleich zu einer Kontrollgruppe (ohne Induktion positiver Emotionen) verändert.

Auch hier konnten die Forscher Unterstützung für ihre Hypothese finden. Individuen mit erlebten positiven Emotionen zeigten sich im Vergleich zu Individuen ohne besondere Emotionen altruistischer und sozialer. Weiterhin zeigten sie eine höhere Selbstakzeptanz, ein besseres Immunsystem und eine höhere Konfliktlösungskompetenz.

„Our review of the relevant experimental literature reveals compelling evidence that positive affect fosters [...] sociability and activity, altruism, liking of self and others, strong bodies and immune systems and effective conflict resolution skills.“ [Lyubomirsky et al., 2005]

 

Fazit

Diese sehr einflussreiche Studie zeigt auf umfassende Art und Weise Argumente für den Kausaleinfluss häufig erlebter positiver Affektivität auf den Lebenserfolg auf. Glückliche Menschen sind langfristig gesünder, haben bessere soziale Beziehungen und sind beruflich erfolgreicher. Gerade auch für Unternehmen könnte sich der positive Einfluss von positiven Emotionen auf Kreativität oder Konfliktlösungskompetenz als relevant herauskristallisieren. Eine Möglichkeit für die Erhöhung des emotionalen Wohlbefindens stellt Achtsamkeitsmeditation dar (Link zum Artikel). Auf der anderen Seite konnten auch Dankbarkeitsinterventionen mit erhöhter positiver Affektivität in Verbindung gebracht werden.

Dennoch müssen weitere Studien durchgeführt werden, welche den langfristigen Einfluss häufig erlebter positiver Emotionen auf den Erfolg untersuchen, um bisher nicht geklärte Fragen (Besteht dieser Kausalzusammenhang auch unabhängig von Ressourcen, wie beispielsweise Intelligenz oder  bisherigem Erfolg?) zu klären.

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Sonja Lyubomirsky, Laura King & Ed Diener

Titel: The Benefits of Frequent Positive Affect: Does Happiness Lead to Success?

Zeitschrift: Psychological Bulletin

Publikationsjahr: 2005

 

 

Bildquelle: flickr.com / Mark Turnauckas