Das Streben nach Geld

 

 

Über Jahrzehnte hinweg waren die Vereinigten Staaten von Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier wurden Erfolgsgeschichten geschrieben - vom Tellerwäscher zum Millionär. Infiziert von der Idee des Amerikanischen Traums kamen jährlich mehrere Hunderttausend Einwanderer ins Land um ihre eigene Erfolgsgeschichte zu schreiben, mit mehr oder minder großem Erfolg. Dennoch, die Idee der Aufstiegsmöglichkeit für Personen jedweder Herkunft oder jedweden Standes fasziniert. Wer hart arbeitet, wird Erfolg haben, so zumindest das Versprechen. Die schwierige und in hohem Maße individuelle Frage nach der inhaltlichen Auslegung von Erfolg scheint in den USA ebenfalls schnell beantwortet zu sein. Ja, Erfolg lässt sich sogar anhand des finanziellen Auskommens quantifizieren. Inwieweit sich ein solches Streben nach Geld allerdings auch direkt in Glück übersetzen lässt, ist eine andere Frage. Eine Frage, der sich vier Forscher aus den USA stellten. 

 

Die Auswirkungen von Geld auf das eigene Wohlbefinden

Es gibt Leute, die schon viel erreicht haben und trotzdem nicht zufrieden sind. So schilderte ein Klient eines Psychologen aus San Francisco seine Situation wie folgt: "Ich habe einen BMW gekauft und besitze ein Haus im Wert von 3 Millionen US-Dollar. Trotzdem wache ich morgens auf und stelle fest, dass ich mich nicht wohl fühle in meiner Haut." Woran liegt das? Einige Psychologen werden schnell eine Diagnose stellen können: Es liegt daran, dass die falschen Ziele verfolgt werden. Finanzieller Erfolg oder aber die Anerkennung von anderen Leuten lenke Menschen von den eigentlich erfüllenden Aspekten des Lebens ab: Ein bedeutsames Leben zu führen und sich selbst zu verwirklichen. Das weniger relevante "Haben" wird dem als wichtiger empfundenen "Sein" untergeordnet. 

"[...] pursuing goals based on extrinsic rewards, the contingent approval of other people, and "having" instead of "being" distract the individual from the meaningful aspects of life, hinder the individual from achieving his or her inherent potential as a human being [...]" [Nickerson et al., 2003]

Dennoch haben Querschnittsstudien (einmalig durchgeführte Studien) fast immer eine positive Korrelation zwischen dem Einkommen von Individuen und ihrem berichteten subjektiven Wohlbefinden herausarbeiten können.

"[...] cross-sectional studies have nearly always found a positive, albeit small, relation between an individual's income and his or her subjective well-being or happiness." [Nickerson et al., 2003]

Diese beiden Erkenntnisse legen nahe, dass sich Reichtum an sich zwar positiv auf das eigene Wohlbefinden auswirkt, das Streben danach in der Regel jedoch negative Konsequenzen mit sich bringt. Das Forscherteam führte daher eine Langzeitstudie durch, in welcher sie die von Studierenden empfundene Relevanz von finanziellem Erfolg mit ihrem tatsächlichen finanziellen Erfolg und ihrem subjektiven Wohlbefinden 19 Jahre später verglichen. 

 

Das Streben nach Geld hat unterschiedliche Auswirkungen

Das Forscherteam konnte in dieser Studie mit insgesamt mehr als 10.000 Teilnehmern erneut bestätigen: Die berichtete Zufriedenheit von Menschen steigt proportional zu ihrem Einkommen, auch wenn der Grenznutzen von steigendem Einkommen abnimmt. Das heißt, je mehr Geld ich habe, desto weniger stark positiv wird mein Wohlbefinden davon beeinflusst. Sie fanden jedoch noch mehr heraus: Bis zu einem Haushaltseinkommen von jährlich 175.000 US-Dollar wirkt sich das Streben nach Geld negativ auf die Zufriedenheit aus. Erst ab einem Einkommen von jährlich 290.000 US-Dollar waren die Teilnehmer zufriedener, wenn sie ein hohes finanzielles Auskommen als relevant erachteten. Grundsätzlich konnten die Forscher herausarbeiten, dass sich ein Streben nach Geld umso stärker negativ auf die Lebenszufriedenheit auswirkte, desto weniger Einkommen jährlich zur Verfügung stand.

"[...] at lower household incomes, respondents with a stronger financial goal had lower overall life satisfaction than respondents with a weaker financial goal [...]. [...] the negative consequences of the goal for financial success for overall life satisfaction diminished as household income increased." [Nickerson et al., 2003]

Aber die Forscher wollten noch mehr herausfinden und untersuchten, inwieweit sich finanzielle Ziele auf die Zufriedenheit mit spezifischen Lebensbereichen auswirkte. Bei dieser differenzierteren Analyse fanden sie heraus, dass sich das Streben nach Geld vor allem negativ auf die Zufriedenheit mit Beziehungen auswirkten. So berichteten Teilnehmer eine geringere Zufriedenheit mit Freundschaften oder dem Familienleben, je stärker sie nach Geld strebten. Auch die Zufriedenheit mit dem Beruf war einkommensabhängig geringer. Je größer die gesteckten finanziellen Ziele der Studienteilnehmer und desto geringer ihr Einkommen, desto weniger zufrieden waren sie mit ihrem Beruf.

"[...] the negative consequences of financial goal may be limited to those life domains that either concern relationships with other people or involve income-prducing activities, such as one's job." [Nickerson et al., 2003]

 

Fazit

Geld allein macht nicht glücklich. Dieses Zitat mag wohl stimmen, auch wenn die Wissenschaft mittlerweile ziemlich umfassend darlegen konnte, dass mehr Geld durchschnittlich mit einer höheren Lebenszufriedenheit korreliert. Anders verhält es sich jedoch mit dem Streben nach Geld. Je weniger Einkommen Menschen besitzen, desto stärker schadet das Streben nach finanziellem Reichtum der eigenen Lebenszufriedenheit. Dieser Effekt ist sogar noch gravierender bei der empfundenen Zufriedenheit mit Beziehungen. Bei einer Reflektion über das bestmögliche Selbst der Zukunft, ist es daher ratsam, die finanziellen Aspekte nur am Rande zu berücksichtigen. Darüber hinaus sollte man sich unter Berücksichtigung dieser Studienergebnisse wohl ganz grundsätzlich die Frage stellen, ob ein hohes finanzielles Auskommen überhaupt ein sinnvolles Lebensziel darstellt, geht es doch einher mit einer geringeren Zufriedenheit mit Beziehungen - der wohl wichtigsten Komponente des subjektiven Wohlbefindens.

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Carol Nickerson, Nobert Schwarz, Ed Diener, & Daniel Kahneman

Titel: Zeroing in on the Dark Side of the American Dream: A Closer Look at the Negative Consequences of the Goal for Financial Success

Zeitschrift: Psychological Science

Publikationsjahr: 2003