Künstliche Intelligenz und die Gesellschaft im 21. Jahrhundert (1/3) – Was kann künstliche Intelligenz heute?

  © Lisa   Feitsch

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Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der großen Ereignisse. Eine globalisierte Welt wächst zusammen und die USA wird sich die Krone der Hegemonie mit einem erstarkten China teilen müssen. In Europa droht eines der erfolgreichsten internationalen Friedensprojekte - die Union - ins Wanken zu geraten und das, obwohl es uns über einen so langen Zeitraum Freiheit, Wohlstand und Menschenrechte garantiert hat. Die Flüchtlingsfrage spielt derzeit die Hauptrolle auf den Bühnen europäischer Medienhäuser. Die Angst vor sozialen Unruhen, hoher Kriminalität und einer „Überfremdung“ Europas ist so groß, dass Mauern wieder errichtet werden und eine verrohte Menge angsterfüllten Flüchtlingen ein „Wir sind das Volk“ entgegenbrüllt. Demgegenüber zeigt sich andernorts eine Willkommenskultur, die sich den Flüchtlingen gegenüber aufgeschlossen zeigt. Alle spüren, dass die Flüchtlingsbewegungen Europa verändern werden.

Neben den Flüchtlingsbewegungen und der Neuordnung internationaler Machtstrukturen gibt es noch weitere Entwicklungen, die unsere Gesellschaft beeinflussen werden. Am Future of Humanity Institute der Universität Oxford beschäftigen sich führende ForscherInnen mit den großen Themen der Zukunft und der Frage danach, wie wir die Zukunft lebenswert gestalten können. Nick Bostrom ist ein schwedischer Philosoph und der Direktor des Instituts. Er analysiert die möglichen Folgen technologischer Entwicklungen und hat sich insbesondere auf den Bereich der künstlichen Intelligenz spezialisiert. Sein New York Times Bestseller „Superintelligenz“ hat im Jahr 2014 für viel Aufregung gesorgt und unter anderem Bill Gates oder Elon Musk überzeugt: Künstliche Intelligenz ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Bei dem Gedanken an künstliche Intelligenz entsteht bei vielen Menschen wohl das Bild eines menschenähnlichen Roboters im Kopf, der ein Bewusstsein entwickelt und die Menschheit als Feind auserkoren hat. Künstliche Intelligenz ist irgendwie Science-Fiction. Diese Dystopie, wie sie häufig in Hollywood Filmen dargestellt wird, ist aber nicht realistisch, bedenkt man die grundsätzliche Funktionsweise von Systemen mit künstlicher Intelligenz. Denn diese Systeme sollen eine ganz bestimmte Aufgabe erfüllen, einem ganz bestimmten Zweck dienen und dafür brauchen sie kein Bewusstsein. Um es in den Worten des Physikers Stephen Hawkings auszudrücken: „Das Risiko von künstlicher Intelligenz ist nicht Bosheit, sondern Fähigkeit“.

Wie sieht es mit diesen Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz tatsächlich aus? Die kommenden drei Subwo-Artikel widmen sich den Potentialen und Implikationen der künstlichen Intelligenz: Was ist bis jetzt passiert (Teil 1)? Was kann und wird passieren (Teil 2)? Welchen Einfluss hat künstliche Intelligenz auf unsere Gesellschaft (Teil 3)?

 

Künstliche Intelligenz im Jahr 2015 – Ein Erfolgsjahr für die Forschung

  © Lisa   Feitsch

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Anfang 2015 ist einem internationalen Forschungsteam aus den Reihen von Google DeepMind ein aufsehenerregender Durchbruch gelungen. Sie haben ein Programm entwickelt, das Computerspiele wie Space Invaders und Pong meistern konnte. Grundlage ist ein Computeralgorithmus, der wie ein einfaches neuronales Netzwerk funktioniert und in der Lage ist zu lernen. Dieser Algorithmus kann die Regeln von einfachen Computerspielen verstehen und findet heraus, was getan werden muss, um eine hohe Punktzahl zu erreichen – so ein Vorgang wird als deep learning bezeichnet. Man kann es sich ein bisschen wie ein Neugeborenes vorstellen, das Stück für Stück die Regeln seiner Umgebung kennenlernt und sein Verhalten anpasst.  Was genau beim Lernen passiert, wissen die Wissenschaftler nicht. Sie sahen nur das Ergebnis: Ein Algorithmus der sich durch Lernerfahrungen veränderte und so zum Computerspieleprofi wurde.

Die heutige künstliche Intelligenz kann jedoch nicht nur Computerspiele erlernen und meistern. Claudico wurde an der Carnegie Mellon Universität entwickelt und nahm Anfang Mai 2015 als erster Computeralgorithmus an einem Pokerturnier teil. Zwar kannte Claudico alle Pokerregeln und Strategien – er konnte sogar bluffen –, doch das reichte letztendlich nicht für den Sieg. Mehr als der vorletzte Platz war in diesem Turnier für Claudico nicht drin, zumindest noch nicht. Denn Poker ist deutlich komplizierter als einfache Computerspiele. Es gibt zwar klare Regeln, aber einem Programm fällt es schwer, dass Verhalten der menschlichen Gegenspieler einzuschätzen und vorherzusagen. Ebenso schwer fällt es Algorithmen zu täuschen und zu bluffen, ist es doch aus Sicht eines Programmes eher „unlogisch“: Wenn die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen bei einer Pokerhand sehr niedrig ist, warum sollte ein Computer den Bluff riskieren? Claudico konnte bluffen und das zum Teil sogar sehr gut. Die praktische Relevanz dieser Forschung offenbart sich einem zwar nicht unmittelbar, aber bluffen und täuschen ist nicht nur Bestandteil des Pokerspiels. Auch in Verhandlungen kommt es häufig vor. Ob Computeralgorithmen zukünftig dabei unterstützen können, ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Claudico lässt aber vermuten, dass es irgendwann möglich wäre.

Beide Geschichten sind Beispiele für Forschungserfolge auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Für unseren Alltag heute sind sie noch wenig relevant, aber sie zeigen die Potentiale der künstlichen Intelligenz auf. Heutzutage ist künstliche Intelligenz allerdings noch sehr stark spezialisiert und weit davon entfernt, die Allround-Qualitäten der menschlichen Intelligenz zu erreichen. Claudico kann Poker spielen, würde aber bei den erwähnten Computerspielen deutlich schlechter abschneiden. Er verfügt nicht über fünf Sinne und kann nicht entscheiden, ob es in bestimmten Situationen in Ordnung ist, die Regeln zu brechen, wie beispielsweise die Straße trotz roter Ampel zu überqueren. Claudico kann eben nur eines: Das Pokerspiel.


Künstliche Intelligenz im Jahr 2015 – Unternehmen springen auf den Zug auf

  © Lisa   Feitsch

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Dennoch beeinflusst die heutige künstliche Intelligenz unser Leben bereits sehr stark. Am 4. Dezember 2009 wurde auf dem offiziellen Blog von Google ein Blogeintrag mit folgendem Titel veröffentlicht: „Personalisierte Suche für alle.“ Der neue Google-Algorithmus lernt, was uns gefällt und passt die Suche an unsere Bedürfnisse an. Klicken wir häufig auf bestimmte Seiten, so werden diese von Google bei unserer Suche höher priorisiert. Durch das Klickverhalten jeder Nutzerin und jedes Nutzers verändert sich Googles personalisierter Suchalgorithmus jedes Mal aufs Neue und erstellt dabei tausende individualisierte Filterungen. Die gleiche Suchanfrage kann dadurch, je nach Suchhistorie und Computer, die unterschiedlichsten Ergebnisse hervorbringen. Dies mag einige LeserInnen nachdenklich stimmen, aber künstliche Intelligenz kann heute sogar schon deutlich mehr.

Im Jahr 2014 hat ein Unternehmen in Hongkong bereits erste Personalentscheidungen zugunsten eines Computeralgorithmus getroffen: Vital (kurz für Validating Investment Tool for Advancing Life Sciences) wurde am 31. Mai 2014 zum sechsten Vorstandsmitglied von Deep Knowledge Ventures (DKV) berufen – ein Investment-Unternehmen, welches in die Gesundheitsbranche investiert. Gerade bei Biotechnologie-Unternehmen sind für Investmententscheidungen sehr viele komplexe Zusammenhänge zu berücksichtigen und eine Software kann dabei Trends aufzeigen, die für Menschen nicht unmittelbar ersichtlich sind, so DKV Senior Partner Dmitry Kaminskiy. Deshalb hat Vital bei Investmententscheidungen das gleiche Stimmrecht wie alle anderen Vorstände.

Nicht nur bei der Entwicklung von Computeralgorithmen sind große Fortschritte zu verzeichnen. Auch in der Welt der Robotik tut sich viel. Das Joris Laarman Lab aus Amsterdam beschäftigt sich vornehmlich mit innovativen Herstellungs- und Designprozessen. Im Museum of Modern Art in New York steht ein Sessel von Joris Laarman Lab. Hergestellt wurde er mit Hilfe eines 3D Druckers. Weltweite Bekanntheit erreichte das Unternehmen im Oktober 2015 aber mit einer anderen Ideen: Im Jahr 2017 soll eine Brücke über den Oudezijds Achterburgwal Kanal in Amsterdam gebaut werden. Allerdings handelt es sich nicht um eine herkömmliche Brücke, denn statt Menschen werden für den Bau ausschließlich Roboter eingesetzt, die mit eigenen Druckköpfen ausgestattet sind. Es soll das erste größere Bauwerk aus dem 3D Drucker werden. Joris Laarman ist überzeugt, dass 3D Druck sogar noch deutlich mehr kann als Brücken bauen. Der nächste Schritt? Häuser und vielleicht sogar irgendwann Hochhäuser, so der Visionär aus Amsterdam.

Die Potentiale der künstlichen Intelligenz und der Robotik überzeugen auch zahlreiche Großkonzerne, die hohe Geldsummen in ihre Entwicklung investieren. Ende 2015 gab Toyota bekannt, dass es die Forschung im Bereich künstlicher Intelligenz voranbringen und mit einem Kapital von einer Milliarde Dollar ein neues Forschungsinstitut im Silicon Valley aufbauen möchte. Auch Google mischt kräftig mit im Rennen um die Entwicklung fortgeschrittener künstlicher Intelligenz. Nachdem der Internetgigant 2014 das Unternehmen DeepMind für 500 Millionen Dollar kaufte, hat es 2015 einen Gesellschaftsanteil beim Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz erworben – das erste Mal, dass Google in ein europäisches Forschungsinstitut investiert. Es muss klar sein, dass künstliche Intelligenz zu diesem Zeitpunkt weit davon entfernt ist, seine technologische Reife zu erreichen. Das zukünftige Potential der Technologie scheint fast unbeschränkt. Wie genau aber könnte sich künstliche Intelligenz weiterentwickeln und unsere Gesellschaft beeinflussen? Der nächste Blogartikel beschäftigt sich mit den Potentialen der künstlichen Intelligenz.

 

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