Die Leistungsgesellschaft - Die Geschichte der Erfindung des Hamsterrades

  © Lisa   Feitsch

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Welche Gedanken kommen dir, wenn du das Wort „Leistungsgesellschaft“ hörst? Beschreibt das Wort eher eine notwendige Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand? Suggeriert es eine ausgeprägte Ellenbogenkultur in einer Welt knapper Ressourcen? Schränkt die Leistungsgesellschaft Menschen in Ihrer persönlichen Entwicklung ein oder ist sie die Prämisse für individuelle Exzellenz? Sind Menschen von Natur aus leistungsorientiert oder haben historische Ereignisse das Prinzip der Leistung entstehen lassen? Wenige Begriffe werfen so viele Fragen auf und polarisieren Meinungen so stark wie der Begriff der Leistungsgesellschaft. Was genau aber verbirgt sich eigentlich hinter der Leistungsgesellschaft und wo kommt das Leistungsdenken überhaupt her?

Ganz allgemein kann eine Leistung als Ergebnis eines Prozesses beschrieben werden, der mit viel Aufwand bzw. Arbeit verbunden ist. So kann ein erfolgreicher Projektabschluss, ein architektonisches Meisterwerk oder ein neuer Weltrekord bei den olympischen Spielen als große Leistung geadelt werden. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt jedoch schnell, dass die Faszination für Leistung und Leistungsfähigkeit keinesfalls ein modernes Phänomen darstellt. Viele Kulturen haben schon in der Vergangenheit versucht, ihre Größe und Macht über bemerkenswerte Leistungen zur Schau zu stellen. Dazu zählen beeindruckende Bauwerke wie die sieben Weltwunder, aber auch radikale Innovationen, wie etwa die Bewässerungsmethoden am Nil. Auch im sportlichen Wettbewerb hat das Prinzip der Leistung eine lange Historie. So strömte die römische Bevölkerung um Christi Geburt in Scharen ins Kolosseum, um den Gladiatorenspielen beizuwohnen. Dabei erfreuten sich insbesondere diejenigen Gladiatoren größter Beliebtheit, welche herausragende Leistungen in der Arena zeigten.

Beschreibt der verhältnismäßig neue Begriff der Leistungsgesellschaft ein Phänomen, das schon immer existiert hat? Diese Frage muss verneint werden. Denn auch wenn dem Menschen ein gewisses Leistungsmotiv innewohnt, so haben sich die spezifischen Merkmale der modernen Leistungsgesellschaft erst während der Aufklärung und der daran anknüpfenden Industrialisierung herausgebildet.

 

Als Wissen mit einem Mal Macht wurde

Im vorindustriellen Zeitalter lebte der Großteil der Bevölkerung als Bauern in dörflichen Strukturen. Das tägliche Leben war geprägt durch die feudalistischen Gesellschaftsstrukturen. Die Feudalherren besaßen Grund und Boden und waren in der Regel Adelige oder Geistliche. Demgegenüber stand eine Vielzahl an Bauern, die auf den Feldern der Feudalherren arbeiten und hohe Abgaben zahlen musste. Die Sorge der Bauern um das tägliche Brot war die wesentliche Triebfeder für Produktivität. Leistung war notwendig um nicht zu verhungern, sie wurde jedoch nicht, so wie heute als Möglichkeit für sozialen Aufstieg aufgefasst. Eine starre ständische Gesellschaftsordnung verhinderte die soziale Mobilität.

Erste Zeichen eines Umdenkens zeigten sich erst während der Aufklärung im 18. Jahrhundert. „Sapere aude!“ – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, war der von Immanuel Kant auserkorene Leitspruch dieser Bewegung. Dahinter verbarg sich ein Menschenbild, welches in jedem Menschen ein Potenzial für Mündigkeit und Autonomie, ein Potenzial für die Entwicklung zum Weltbürger sah. Der eigene Verstand sollte benutzt werden und blinder Gehorsam wurde angeprangert – Wissen war Macht. Wer dieses Potenzial nicht realisiert, so die Auffassung Kants, war entweder zu faul oder zu feige dafür, war platt gesagt selbst Schuld. Die Ideen der Aufklärung und die Belastung der Bevölkerung durch Hungersnöte gipfelten Ende des 18. Jahrhunderts in der Französischen Revolution.  In ihrer Konsequenz führte sie zur Abschaffung der Ständegesellschaften in Europa. Mit einem Mal schienen Herkunft oder Beziehungen nicht mehr als notwendiges Kriterium für einen hohen Sozialstatus in der Gesellschaft, viel entscheidender waren die Bemühungen und die Bildung des einzelnen. Von nun an sollte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit unter den Menschen herrschen.

 

Die Geburt der modernen Leistungsgesellschaft

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Doch auf breite Teile der Bevölkerung übertrugen sich die Ideale der Aufklärung nicht unmittelbar. Frauen erhielten nach wie vor kaum Zugang zu Bildung und der Großteil der Bevölkerung musste unter schlechten Bedingungen arbeiten. Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter der Industrialisierung und der sozialen Frage. Mechanische Spinn- und Webmaschinen erlaubten eine deutliche Produktionssteigerung von Textilien und die Erfindung der Dampflokomotive läutete einen Paradigmenwechsel im Transportwesen ein. Arbeitsteilung machte Arbeitsprozesse effizienter und die Steigerung der Produktivität wurde Maxime unternehmerischen Handelns. Doch gleichzeitig war das 19. Jahrhundert gekennzeichnet durch Elend und Armut. 

Es war das Zeitalter des Pauperismus: Große gesellschaftliche Gruppen wie Bauern und Handwerker verarmten oder mussten unter widrigsten Arbeitsbedingungen in Fabriken schuften. Ein 12-Stunden-Arbeitstag war nichts ungewöhnliches, auch nicht für Kinder. In den Städten herrschte ein Überangebot an Arbeit und ein Mangel an Wohnraum, das Elend war vielerorts unübersehbar. Zwar war die Ständegesellschaft ein Relikt der Vergangenheit, aber von Fairness im Sinne der Gleichheit und Freiheit konnte nicht gesprochen werden: Einige wenige profitierten und viele blieben dabei auf der Strecke.

Und auch wenn das Zeitalter der Industrialisierung nur wenig mit unserem modernen Leistungszeitalter gemein hatte, zeigt sich hier deutlich die Entstehung der modernen westlichen Leistungsgesellschaft. So wurde im Jahr 1855 in Großbritannien die „Civil Service Commission“ ins Leben gerufen, um das Rekrutierungsverfahren im öffentlichen Dienst zu reformieren. Öffentliche Positionen wurden von nun an in einem Wettbewerbsverfahren vergeben – der leistungsstärkste Kandidat gewann. Vielerorts wurden Aristokraten sukzessive aus gesellschaftlichen Schlüsselstellen verdrängt und durch Bildungsbürger und Unternehmer ersetzt. Auch in den USA lässt sich zu dieser Zeit bereits deutlich der Keim der modernen Leistungsgesellschaft spüren. Inspiriert durch die Civil Service Commission in Großbritannien wurde 1883 der „Pendleton Civil Service Reform Act“ verabschiedet. Leistungsfähigkeit sollte auch hier über die Auswahl der Kandidaten entscheiden. Hoher Sozialstatus war kein Geburtsrecht mehr. Es wurde zum Leistungsrecht.

Die Berücksichtigung der Leistungsfähigkeit für die Besetzung öffentlicher Posten wurde nicht im Europa des 19. Jahrhunderts erfunden. Im 11. Jahrhundert wurden ich China bereits ähnliche Mechanismen eingesetzt: Die chinesische Beamtenprüfung. Hat die moderne Leistungsgesellschaft ihre Ursprünge also in China? Wohl kaum. Denn das Zeitalter der Industrialisierung hebt sich insbesondere durch ein Merkmal von sämtlichen vorangegangen Epochen ab: eine spürbare Beschleunigung in vielen Lebensbereichen. Kommunikation über Telegraphen war um ein Vielfaches schneller als die Kommunikation per Brief und Brieftaube. Die Dampflokomotive ermöglichte eine schnellere Fortbewegung und einen schnelleren Transport als die Kutsche. Maschinen erhöhten den Output im Vergleich zu konventioneller Handarbeit erheblich – deutlich mehr konnte deutlich schneller hergestellt werden. Durch den technischen Fortschritt war das Leben insgesamt schneller geworden.

 

Beschleunigung, Unsicherheit und Selbstoptimierung: Die moderne Leistungsgesellschaft

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Der Trend der Beschleunigung fand aber keinesfalls in der Industrialisierung sein Ende. Eine weitere signifikante Beschleunigung erfuhr unsere Gesellschaft durch die Digitale Revolution im Ausklang des 20. Jahrhunderts: Computer und Internet hielten Einzug in den Alltag. Heutzutage kann jeder von überall aus Emails einsehen und versenden. Das Smartphone erlaubt ständige Erreichbarkeit, erfordert es in einigen Bereichen sogar. Neben dem technologischen Fortschritt hat auch die Globalisierung unser Leben beschleunigt. Ein beeindruckender wirtschaftlicher Aufschwung von beispielsweise China oder Südkorea hat in Kürze neue wirtschaftliche und politische Akteure auf die internationale Bühne gebracht. In mehr und mehr Ländern entstehen konkurrenzfähige Unternehmen und intensivieren den internationalen Wettbewerb. Das hat zur Folge, dass Arbeitsprozesse verstärkt unter dem Gesichtspunkt maximaler Effizienz evaluiert werden. Nur wer bei hohen Geschwindigkeiten mithalten kann, bleibt wettbewerbsfähig

Auch die Zusammensetzung der Arbeitnehmerschaft hat sich seit der Industrialisierung stark gewandelt. Feministische Bewegungen und die Bürgerrechtsbewegung der Afro-Amerikaner haben den Pool an qualifizierten Arbeitskräften deutlich erweitert. Heute wird beruflicher Erfolg unabhängig von Geschlecht oder Hautfarbe erwartet. Gleichzeitig erhöht sich der Bildungsdurchschnitt der westlichen Bevölkerung kontinuierlich. Der Anteil der Absolventen mit höherem Bildungsabschluss ist deutlich gestiegen, die kognitive Mobilisierung ist gut zu beobachten. Das führt jedoch zu einer Art Bildungsinflation: Ein Abschluss allein garantiert nicht mehr Beschäftigung, reicht häufig nicht aus, um positiv aufzufallen. Als Konsequenz wird der Abschluss mit Auslandserfahrungen, herausragenden Noten, ehrenamtlichem Engagement und mehrjähriger Berufserfahrung ausgeschmückt. Das Credo der arbeitenden Bevölkerung im 21. Jahrhundert heißt Lebenslauf- und Selbstoptimierung.

Selbstoptimierung ist auch als Antwort auf die zunehmende wahrgenommene Unsicherheit in der Gegenwart zu verstehen: Berufliche Unsicherheiten durch befristete Verträge, gesellschaftliche Unsicherheiten durch die Flüchtlingsfrage und nicht zuletzt die Finanzkrise hat gezeigt, dass kontinuierliches Wirtschaftswachstum keinesfalls die Regel in der westlichen Welt sein muss. Es sind diese drei Elemente: Beschleunigung, Unsicherheit und Selbstoptimierung, welche das Leben in der modernen Leistungsgesellschaft charakterisieren und signifikante Auswirkungen auf uns und das gesellschaftliche Miteinander haben. Die Folge dieser Entwicklungen sind Dauerstress oder sogar Erschöpfung. Viele fühlen sich überfordert, wollen aussteigen. Leistung ist nicht länger ein intrinsisches Bedürfnis, sondern wird von anderen erwartet. Die Gesellschaft hat das Hamsterrad aufgestellt und wir hören nicht mehr auf zu laufen. Und jeder läuft für sich, denn es fehlt häufig die Zeit, um sich um andere zu kümmern.

Doch das ist noch lange kein Grund den Optimismus zu verlieren und die moderne Leistungsgesellschaft zu verteufeln. Denn wie dieser Artikel zeigen möchte, hat sich das gesellschaftliche Miteinander in Europa über die letzten Jahrhunderte immer wieder stark verändert: Die Ständegesellschaft wurde von einer Industriegesellschaft abgelöst, die sich wiederum in grundlegenden Aspekten erheblich von der modernen Leistungsgesellschaft unterscheidet. Neue Technologien, politische Konzepte oder der jeweilige Zeitgeist hatten und haben immer noch einen großen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung. Die gesellschaftliche Evolution ist nie abgeschlossen. Panta Rhei – Alles fließt! Ein politisches Konzept, das in jüngster Zeit verstärkt in den Medien diskutiert wurde und das einen erheblichen Einfluss auf unsere Gesellschaft haben könnte ist das bedingungslose Einkommen – ein Einkommen, was nicht an Beschäftigung geknüpft ist. Nachdem das bedingungslose Grundeinkommen vor zehn Jahren höchstens am linken Rand der Gesellschaft diskutiert wurde, sprechen sich heute Unternehmer wie Götz Werner oder Telekom Chef Timotheus Höttges dafür aus. In der Schweiz und in Finnland wird die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens sogar schon ernsthaft politisch diskutiert. Eine Trendwende? Möglicherweise! Genaueres dazu gibt es nächste Woche!