Was kann man eigentlich über Lernen lernen?

 

 

Warum macht manchen das Lernen während der Schulzeit Spaß und anderen so gar nicht? Glaubt man Experten wie Sir Ken Robinson, ist unser aktuelles Schulsystem zu einseitig. Es bereitet auf eine akademische Karriere vor, vernachlässigt dabei aber kreative oder sportliche Fächer wie Musik, Kunst oder den Sportunterricht. Nach Auffassung von Ken Robinson schlummert in jedem Menschen ein individuelles Talent, welches geweckt werden möchte, durch den konventionellen Schulalltag aber nicht wirklich eine Chance erhält, sich zu zeigen. Auch andere Wissenschaftler schließen sich dieser Auffassung an. Laut dem Neurobiologen Prof. Dr. Gerald Hüther ist eine wichtige Voraussetzung für Lernerfolg die Begeisterung. Das Gelernte muss "unter die Haut gehen", damit es sich im Gehirn vernetzen kann. Denkt man an seine Schulzeit zurück, fallen einem jedoch sofort eine Menge Beispiele ein, wo eben das nicht passiert ist. Das kann an dem Lehrer liegen oder aber auch daran, dass das derzeitige Schulsystem nicht die optimale Lernumgebung für jeden Menschen darstellt. Einige wollen Schauspieler oder Tänzer werden, andere bei Fernsehproduktionen mitwirken oder ein Restaurant eröffnen. Um in diesen Berufen erfolgreich zu sein, braucht man nicht zwangsläufig mathematisches Wissen der Oberstufe. Während Potentialentfaltung viele Gesichter hat, funktioniert Lernen nach einem erstaunlich gleichförmigen Prinzip. Da das Konzept des lebenslangen Lernens in unserer Wissensgesellschaft eine zentrale Rolle einnimmt, widmet sich dieser Blogeintrag den Grundlagen des Lernens. 

 

Wie viel kann ich lernen: die Diskussion über Natur und Kultur

Eine zentrale Debatte, die das Theme Lernen schon seit etwa 100 Jahren begleitet ist die Debatte um die Möglichkeiten und Grenzen von Lernen. So argumentierte ein Wissenschaftler in den 1920er Jahren, dass die Gene von Menschen ihre Fähigkeiten determinieren. Auf der anderen Seite wurde auch damals schon die Relevanz des Umfelds für unser Verhalten betont. Ob das Umfeld (die Kultur) oder aber unsere Gene (die Natur) einen größeren Einfluss auf unser Lernen haben ist wohl so einfach nicht zu beantworten. Wohl aber kann mittlerweile gesagt werden, dass beide Argumentationslinien der Wahrheit entsprechen. Sowohl unsere Natur, als auch die uns umgebende Kultur haben einen großen Einfluss auf uns und unser Lernen.

"[...] contemporary researchers agree that human development involves a dynamic interplay of nature and nurture." [Hinton et al., 2008]

Die Persönlichkeitspsychologie liefert Argumente für die Relevanz unserer Natur im Lernprozess. So werden introvertierte Menschen wohl besser mit Einzelaufgaben lernen können, während extrovertierte Menschen den Austausch brauchen und daher besser in Gruppen arbeiten können. Diese Persönlichkeitseigenschaften sind stabil. Das heißt, dass sie in unseren Gene beschrieben sind und sich im Laufe des Lebens nicht großartig ändern. Auf der anderen Seite stehen Erkenntnisse aus der Hirnforschung, die auf die Veränderbarkeit des Gehirns im Zusammenhang mit neuen Erfahrungen oder Lernen hinweisen. Wenn wir neue Dinge lernen, verändert sich unser Gehirn und das sogar ein Leben lang. Wie aber sieht Lernen im Gehirn überhaupt aus?

 

Lernen im Gehirn funktioniert über drei Netzwerke

Insgesamt können im Gehirn drei Netzwerke, die für das Lernen wichtig sind, unterschieden werden. Das Erkennungsnetzwerk erhält sensorische Informationen aus der Umgebung und wandelt diese um in kleine Wissenseinheiten. Das können beispielsweise Buchstaben oder Wörter sein.

"The recognition network receives sensory information from the environment and transforms it into knowledge." [Hinton et al., 2008]

Diese Wissenseinheiten werden dann von dem strategischen Netzwerk in einen Bedeutungskontext gebracht. Dieses Netzwerk ist folglich entscheidend für das Verständnis von Texten. Aber es spielt auch eine zentrale Rolle bei deutlich komplexeren Prozessen, wie beispielsweise der systematischen Suche nach einer Antwort. Möchten wir einen mathematischen Beweis durchführen, brauchen wir dazu in der Regel Zugriff auf einige Grundregeln der Mathematik. Das strategischen Netzwerk organisiert unser Wissen so, dass es uns das für die Aufgabe relevantes Wissen zur Verfügung stellt. 

"The strategic network is recruited for planning and coordinating goal-oriented actions."" [Hinton et al., 2008]

Das dritte Netzwerk ist das affektive Netzwerk. Dieser Teil beschreibt die emotionale Dimension des Lernprozesses, wie beispielsweise Interesse, Motivation oder auch Stress.

"[...] the affective network is involved in emotional dimensions of learning such as interest, motivation and stress." [Hinton et al., 2008]

Jeder der in der Schule keinen Zugang zur Mathematik gefunden hat, wird sich wohl erinnern können, wie der entstehende Stress bei Klausuren einer guten Note im Weg stand. Ähnlich ist es beim Erlernen von Inhalten. Während Stress dazu führt, dass ich mir Inhalte weniger gut merken kann, brauche ich bei hohem Interesse und Begeisterung Informationen nur einmal hören, um sie mir längerfristig merken zu können. Dieses Netzwerk spielt für den Lernerfolg eine außerordentlich wichtige Rolle. Nicht zuletzt entscheidet das Ausmaß unserer Motivation über die Qualität des Ergebnisses. Arbeite ich gerade an einem Projekt, in welchem ich emotional investiert bin, so habe ich in der Regel auch eine höhere Motivation und die Ergebnisse werden entsprechend gut sein. 

 

Der Kontext von Lerninhalten spielt eine wichtige Rolle

Wenn man nun für sich festgestellt hat, dass man einfach keinen Zugang zu Mathe hat, dann sollte man versuchen, die mathematischen Prinzipien in einen anderen Kontext zu bringen. Mittlerweile hat die Hirnforschung Indizien dafür gefunden, dass das grundlegende quantitative Verständnis im Parietallappen unseres Gehirns liegt. Menschen, bei denen diese Region beschädigt ist, können nämlich einfache mathematische Aufgaben (z.B. Welche Nummer liegt zwischen 3 und 5?) nicht lösen. Dennoch haben sie häufig keine Probleme dabei, vergleichbare Aufgaben zu lösen (z.B. Welcher Monat liegt zwischen Juni und August?). 

"[...] patients with parietal damage sometimes cannot answer a question as simple as, which number falls between 3 and 5. However, they often have no difficulty solving analogous serial tasks across other domains, such as identifying which month falls between June and August [...]" [Hinton et al., 2008]

Daraus kann abgeleitet werden, dass einzelne Anwendungen von Mathematik in unterschiedlichen Regionen im Gehirn berechnet werden. Anstatt zu denken, dass Mathe einem grundsätzlich nicht liegt, hilft es daher vielleicht die Dinge in einen anderen Kontext zu bringen.

 

Fazit

Wie eingangs in diesem Blogeintrag erwähnt, ist Begeisterung eine wichtige Voraussetzung für die Verfestigung von Informationen in unserem Gehirn. Diese Begeisterung kann durch verschiedene Dinge hervorgerufen werden. Dazu zählt eine inspirierende Lehrkraft, aber auch der Kontext, in welchem Informationen dargestellt werden. Es macht eben schon einen großen Unterschied, ob ich nur trockene Theorie lerne oder aber die Relevanz dahinter sehen kann. Einsteins Relativitätstheorie mag an sich zwar für den ein oder anderen etwas trocken erscheinen, ist aber zum Beispiel notwendig für GPS Systeme. Würden die Erkenntnisse Einsteins nicht berücksichtigt werden, dann würde ein GPS System fehlerhafte Angaben machen und wäre für Navigationszwecke untauglich. Solche Beispiele können dazu führen, dass mehr Leute einen Zugang zu schwieriger Materie finden und der Lernerfolg dadurch größer ist.

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Christina Hinton, Koji Miyamoto & Bruno Della-Chiesa

Titel: Brain Research, Learning and Emotions: Implications for Education Research, Policy and Practice

Zeitschrift: European Journal of Education

Publikationsjahr: 2008

 

 

Bildquelle: flickr.com / Stian Rødven Eide / no changes made / Creative Commons Licence: Attribution-ShareAlike 4.0 (CC BY-SA 4.0)