Wann fangen Menschen an nachhaltig zu leben?

 

 

Es wird heißer, die Polarkappen schmelzen und Naturkatastrophen bedrohen die Weltbevölkerung. Eine zentrale Herausforderung der Neuzeit ist der Klimawandel. Eigentlich eine Bedrohung mit viel Potenzial, bedenkt man, dass die Bekämpfung dieses gemeinsamen "Feindes" ein Zusammenrücken der Kulturen bewirken könnte. Dennoch erzielt die klimapolitische Agenda nur langsam Fortschritte in einer Welt, die vor allem individuelle und nationalstaatliche Interessen verfolgt. Aber es gibt sie - diese positive Entwicklungen. Europa ist nicht länger der alleinige Vorreiter in Sachen Klima- und Energiepolitik. Länder wie China, Japan oder die USA haben durch Fortschritte bei Elektromobilität oder durch vermehrten Bau von Windkraftanlagen nachgezogen. Daneben gibt es jedoch noch eine weitere, deutlich günstigere Alternative, dem Klimawandel zu begegnen. Ein Ansatz, der ohne High-Tech oder Investitionen auskommt und für jedermann zugänglich ist: Ein sparsamerer Umgang mit den gegebenen Ressourcen. Aber wann und warum fangen einzelne Menschen an, weniger Ressourcen zu verbrauchen und beispielsweise kürzer zu duschen? Wenn Sie dadurch Geld sparen können? Wenn Sie damit der Gesellschaft nützen? Oder aber, um die Umwelt zu schützen? Es stellt sich heraus, dass keiner dieser Punkte so einflussreich ist, wie der normative Einfluss durch das Verhalten anderer. 

 

Die Nachbarschaft kann unser Verhalten beeinflussen

Ein fünfköpfiges Forscherteam aus den USA wollte herausfinden, was einzelne Haushalte motiviert, weniger Energie zu verbrauchen. Dazu kontaktierten sie 981 Haushalte in Kalifornien. Jeder Haushalt erhielt eine Nachricht, in welcher Ansätze zur Reduktion des Energieverbrauchs aufgezeigt wurden. Dazu zählte beispielsweise das Ausschalten unnötiger Lichter oder aber ein kürzerer Gang unter die Dusche.

"A total of four different energy conservation behaviors were promoted during this study: taking shorter showers, turning off unnecessary lights, turning off the air conditioning at night, and using fans instead of air conditioning." [Nolan et al., 2008]

Neben diesen Informationen wurde den Haushalten noch Gründe für die Reduzierung des eigenen Energieverbrauchs präsentiert. In einer vorangegangenen Studie wurden Personen nach den wichtigsten Gründen für die Reduktion des Energieverbrauchs befragt. Das Forscherteam fand so bereits heraus, dass als einflussreichste Gründe für energiesparendes Verhalten der Umweltschutz, das Gesellschaftswohl und Kostenersparnisse gesehen wurden.

"Three of the appeals used a nonnormative message based on one of the three reasons for saving energy that our Study 1 participants identified as most influential: to protect the environment, to benefit society, or to save money." [Nolan et al., 2008]

Ein Teil der Haushalte wurde daher informiert, inwieweit sich ihr energiesparendes Verhalten auf die Umwelt, die Gesellschaft oder die eigenen Finanzen auswirken könnte. Der andere Teil hingegen erhielt eine gänzlich andere Information - eine Information über das Energiespar-Verhalten der Nachbarn. 

Um die Verhaltensveränderung der Haushalte zu erfassen, führten die Forscher Interviews mit den teilnehmenden Haushalten durch und dokumentierten Veränderungen der Stromzähler. 

Ergebnis: Die Forscher fanden heraus, dass der normative soziale Einfluss durch die Nachbarn den größten positiven Effekt auf das Verhalten der Haushalte hatte. Teilnehmer, die Informationen zu dem Energiespar-Verhalten ihrer Nachbarn erhalten hatten, reduzierten ihren Energieverbrauch stärker, als Teilnehmer, denen lediglich Argumente für energiesparendes Verhalten zugesendet wurden. Insbesondere zu betonen ist, dass das Verhalten der Nachbarn das Verhalten der Teilnehmer sogar stärker beeinflusste, als die Möglichkeit Geld zu sparen. 

"Meter readings showed that a descriptive normative message - a message merely containing information about the conservation behavior of the majority of one's neighbors - spurred people to conserve more energy than did the control messe or any of the three other messages that contained appeals that are traditionally accord motivational power." [Nolan et al., 2008]

 

Fazit

In dieser Studie wird gezeigt, wie stark wir durch unser Umfeld beeinflusst werden. Das Bedürfnis in irgendeiner Weise dazu zu gehören, ist hier sogar größer als das Bedürfnis die eigenen Finanzen aufzupolieren. Diese Studie stellt darüber hinaus auch ein überzeugendes Argument gegen den Gedanken "Was bringt es denn, wenn nur ich mein Verhalten ändere?" dar. Wenn Menschen anfangen nachhaltig zu handeln, dann wirkt sich das auch auf das unmittelbare soziale Umfeld aus. Anfänglich erzählt vielleicht nur eine Person im Freundeskreis von kürzeren Duschen. Nach und nach weitet es sich jedoch aus. Und je mehr es sich ausweitet, desto größer ist die Chance, dass sich die eigene Nachbarschaft nachhaltiger verhält als man selbst. Dann bräuchte es nur noch jemanden, der die Leute darüber informiert...

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Jessica M. Nolan, P. Wesley Schultz, & colleauges

Titel: Normative Social Influence is Underdetected

Zeitschrift: Personality and Social Psychology Bulletin

Publikationsjahr: 2008