Neuroplastizität im Gehirn - Emotionen

 
 

 

Nach Aussage einiger angelsächsischer Medien ist der Franzose Matthieu Ricard der "glücklichste Mensch auf Erden". Diese Aussage begründet sich in der ungewöhnlich hohen Gehirnaktivität, die in bestimmten Hirnarealen nachgewiesen wurde. Im Vergleich zu bisherigen Gehirnaktivitätsmessungen konnte bei ihm eine deutlich stärkere Aktivität im linken präfrontalen Kortex (das Areal befindet sich direkt hinter der Stirn) gemessen werden. Dieses Gehirnareal wird von Hirnforschern mit dem Auftreten positiver Emotionen in Verbindung gebracht. 

"[...] the frontal regions of the brain exhibit a specialization for certain forms of positive and negative emotion. Left-sided activation in several anterior regions is observed during certain forms of positive emotion and in subjects with more dispositional positive affect." [Davidson et al., 2003]

Warum hatte Matthieu Ricard eine stärkere Aktivität im linken präfrontalen Kortex als andere Menschen? Eine mögliche Ursache sahen die Wissenschaftler in seiner jahrzehntelangen Meditationserfahrung, die er sich als Mönch in einem buddhistischen Kloster angeeignet hatte. Seit dieser Messung (und schon im Zeitraum davor) ist das wissenschaftliche Interesse an den Themen Meditation und Achtsamkeit stark angestiegen. Dadurch konnte Meditation in den letzten Jahren mit einer Vielzahl positiver Auswirkungen in Verbindung gebracht werden. Meditieren hilft beispielsweise bei Depressionen und verbessert das Immunsystem.

Dieser Blogeintrag stellt die Ergebnisse eine achtwöchige Studie vor, bei welcher ein zehnköpfiges Forscherteam den Einfluss von Achtsamkeits-Meditation auf Emotionen untersuchte. Achtsamkeit wird als ein geistiger Zustand von Präsenz definiert. In diesem achtsamen Zustand wird sich bewusst versucht, auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Während der Meditation kann ein achtsamer Zustand durch eine Fokussierung auf die Atmung oder auf verschiedene Körperteile (dem sogenannten Body Scan) erreicht werden.

 

Aufbau und Ablauf der Studie

Um die Auswirkungen von Achtsamkeits-Meditation auf die Gehirnaktivität zu erforschen, haben die Forscher insgesamt 41 Teilnehmer über einen Zeitraum von acht Wochen begleitet. Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen unterteilt. Eine Gruppe (25 Studienteilnehmer) nahm jede Woche 2,5 - 3 Stunden an einer geführten Meditation teil und besuchte nach sechs Wochen ein siebenstündiges Treffen, bei welchem nicht geredet werden durfte (ein sogenanntes silent retreat). Zusätzlich sollten die Gruppenmitglieder zu Hause täglich eine Stunde Meditationsübungen durchführen. Die andere Gruppe (16 Studienteilnehmer) erhielt als sogenannte Kontrollgruppe keinerlei Instruktionen. 

Bei allen Teilnehmern wurde die elektrische Aktivität im Gehirn mit Hilfe eines EEGs gemessen. Die erste Messung (Time 1) erfolgte vor der Gruppenzuteilung, die zweite Messung (Time 2) unmittelbar nach dem Meditationstraining und die dritte Messung (Time 3) vier Monate nach Ende des Meditationstrainings. An jedem dieser Messungstage sollten die Studienteilnehmer zusätzlich noch über eine der besten und eine der schlimmsten Erfahrungen in ihrem Leben schreiben. Um die Auswirkungen dieser Interventionen zu überprüfen, wurde jeweils davor und danach die elektrische Hirnaktivität gemessen. Darüber hinaus wurde auch die subjektive Wahrnehmung der Teilnehmer vor und nach dem Training mit Hilfe von Fragebögen erfasst. Ein Fragebogen beinhaltete Fragen zu wahrgenommenen positiven und negativen Emotionen (Positive and Negative Affect Scale) und der andere umfasste die Themen Angst und Unruhe (Spielberger State-Trait Anxiety Inventory). 

 

Die Ergebnisse der Studie

Meditation und negative Emotionen

Die Teilnehmer des Meditationstrainings berichteten von einem Rückgang empfundener negativer Emotionen und Angst. 

"[...] There was a significant Group X Time interaction on a measure of trait anxiety [...] accounted for by a reduction in anxiety for subjects in the meditation group from Time 1 to Time 2." [Davidson et al., 2003]

"[...] There was a significant decrease in trait negative affect with the meditators showing less negative affect at Times 2 and 3 compared with their negative affect at Time 1." [Davidson et al., 2003]

Meditation und positive Emotionen

Außerdem ergaben die EEG-Messungen eine Aktivitätserhöhung bei der Meditationsgruppe an einer bestimmten Stelle der vorderen linken Gehirnhälfte, die mit positiven Emotionen assoziiert wird. Diese Stelle soll im Folgenden mit C3/4 bezeichnet werden. C3/4 war die Positionsbezeichnung einer Elektrode des EEG innerhalb der Studie. Bei der Kontrollgruppe konnte keine Aktivitätserhöhung in C3/4 nachvollzogen werden.

"[...] At both Time 2 and Time 3, meditators showed significantly greater relative left-sided activation at the central sites[...]." [Davidson et al., 2003]

Auch bei den schriftlichen Reflexionsübungen wurden Unterschiede zwischen den beiden Gruppen festgestellt. Die Teilnehmer der Meditationsgruppe wiesen nach dem Schreiben über eine der besten Erfahrungen ihres Lebens eine deutlich höhere Aktivität in C3/4 auf als die Kontrollgruppe. Diese erhöhte Aktivität konnte - im Vergleich zur Kontrollgruppe - sogar gemessen werden, nachdem sie über eine ihrer schlimmsten Erfahrungen geschrieben haben.

"In response to the positive emotion [...] meditators showed a significant increase in left-sided anterior temporal activation from Time 1 to Time 2." [Davidson et al., 2003]

"[...] subjects in the meditation group showed significantly greater left-sided activation compared with subjects in the control group [...]." [Davidson et al., 2003]

 

Fazit

Diese Studie war die erste ihrer Art, die aufzeigte, dass Achtsamkeits-Meditation die Gehirnaktivität in Arealen zuständig für Emotionen beeinflusst. Sie kann daher als Indiz für plastische Vorgänge in eben diesen Gehirnarealen aufgefasst werden. Das impliziert ganz grundsätzlich die Möglichkeit durch bestimmte mentale Übungen (in diesem Fall Meditation) das Erleben von Emotionen zu verändern. Besonders relevant für das emotionale Wohlbefinden ist aber auch der hier gezeigte Rückgang erlebter negativer Emotionen und Ängstlichkeit. Je mehr positive Emotionen man im Vergleich zu negativen Emotionen empfindet, desto höher ist das emotionale Wohlbefinden. Da aber nicht jeder Mensch einen Zugang zum Ansatz Meditation hat, müssen auch andere Ansätze betrachtet werden, die das Erleben positiver Emotionen fördern können. Ein weiterer Ansatz, der in den vergangen Jahren viel Aufmerksamkeit erhalten hat, ist das Thema "Dankbarkeit", welchem sich der nächste Blogeintrag widmen wird.

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Richard J. Davidson, Jon Kabat-Zinn, Jessica Schumacher, etc.

Titel: Alterations in Brain and Immune Function Produced by Mindfulness Meditation

Studienteilnehmer: 41 Mitarbeiter/-innen eines Biotechnologieunternehmens

Zeitschrift: Psychosomatic Medicine

Publikationsjahr: 2003

 

 

Bildquelle: Wendy / flickr.com