Du willst Aufschieben vermeiden? Versuche es mit Nachsicht!

 

 

Wer kennt das Gefühl nicht: Eine Klausur steht bevor und man müsste eigentlich lernen. Prinzipiell kein Problem, wären da nicht all die anderen, deutlich spannenderen Dinge, die dringend erledigt werden müssten: Der Abwasch wartet, der Kühlschrank ist leer und das Bad könnte auch mal wieder geputzt werden. Da braucht man nunmal Selbstdisziplin. Das Lernen nimmt einem keiner ab. Nur wenn der Druck von außen groß genug ist, werden die Unterlagen rausgeholt und der Lernspaß beginnt. Gleiches trifft auch auf den Arbeitsalltag zu. Eine wichtige Präsentation steht an und es wäre mit Sicherheit hilfreich, die Powerpointfolien schonmal vorzubereiten. Auf der anderen Seite wartet im Email Postfach noch die Email einer Arbeitskollegin, in welcher sie irgendetwas über eine neue Technologie schreibt... Hmm, ein Blick darauf zu werfen kann ja nicht schaden. In beiden Fällen könnte man den Personen eine Neigung zur Prokrastination diagnostizieren.

 

Prokrastination kann schwerwiegende Folgen haben

Prokrastination beschreibt das Verhalten, unangenehme Aufgaben aufzuschieben. Dabei ist es nicht nur der menschlichen Bequemlichkeit zuzuschreiben. Auch andere Gründe, wie Versagensangst können eine Rolle spielen. 

"[...] there have been a number of different potential causal factors identified in relation to procrastination, such as temporal discounting, task aversiveness, fear of failure, self-handicapping or personality [...]" [Wohl et al., 2010]

Dabei tritt häufig ein schlechtes Gewissen als Begleiterscheinung auf, was sich in einigen Fällen sogar zur harschen Selbstkritik hochschaukeln kann. Die sogenannte "Aufschieberitis" kann dadurch negative Emotionen, wie beispielsweise Schuldgefühle, hervorrufen und sogar zur Depression führen. Auch die eigene Leistung kann dadurch negativ beeinträchtigt werden. Einige Forscher gehen sogar soweit, dass sie Prokrastination als Versagen der Selbstregulation  bezeichnen.

"[...] procrastination might be the quintessential self-regulatory failure." [Wohl et al., 2010]

 

Selbst-Vergebung als Medizin gegen "Aufschieberitis"

Um herauszufinden, wie Personen optimal mit Prokrastination umgehen können und gleichzeitig weniger Dinge aufschieben, führte ein Forscherteam aus Kanada eine Studie durch. Sie vermuteten, dass es förderlich ist, sich selbst vergeben zu können. Selbst-Vergebung bezeichnet einen Vorgang, bei welchem Individuen sich bewusst gegen eine Selbstgeißelung entscheiden und sich selbst gegenüber freundlich auftreten: "Dieses Mal hat es nicht geklappt, aber das kann jedem passieren. So schlimm ist das nicht."

"Self-forgiveness can be conceptualized as a series of changes in motivation, in which the motivations to avoid stimuli connected with the transgression and engage in self-punishment are decreased, while the motivation to act benevolently towards oneself increases." [Wohl et al., 2010]

Die Forscher sahen Selbst-Vergebung als ein wirksames Mittel gegen die Auswirkungen und Häufigkeit von Prokrastination an, weil es einerseits die negativen Emotionen verbunden mit Prokrastination reduziert und andererseits häufig mit einem Veränderungswunsch des zukünftigen Verhaltens einhergeht: "Dieses Mal hat es nicht geklappt, aber das kann jedem passieren (Reduktion negativer Emotionen). Beim nächsten Mal wird es dafür umso besser (Veränderungswunsch für zukünftiges Verhalten)!

 

Studierende schieben weniger auf, wenn sie sich selbst vergeben können

Den Einfluss von Selbst-Vergebung auf das Aufschiebeverhalten galt es nun empirisch zu validieren. Dafür wurden 134 Studierende rekrutiert. Diese sollten zu Beginn des Semesters zunächst einen Fragebogen ausfüllen, welcher Prokrastination und Selbst-Vergebung im Zusammenhang mit Prokrastination erfasste. Nach ihrer ersten Klausur, sollten die Studienteilnehmer einen weiteren Fragebogen ausfüllen. Mit diesem konnte ermittelt werden, wie stark das Ergebnis der Klausur durch das eigene Aufschiebeverhalten beeinflusst wurde und welche Emotionen sie bezüglich der Klausurergebnisse empfanden. Unmittelbar vor der zweiten Klausur wurde dann erhoben, wie stark die Teilnehmer vor der zweiten Klausur aufgeschoben hatten

Ergebnis: Wie die Forscher vermutet hatten, reduzierte Selbst-Vergebung das Ausmaß des Aufschiebens vor der zweiten Klausur. Dies hing vermutlich damit zusammen, dass weniger harsche Selbstkritik als Reaktion auf die Prokrastination gleichzeitig zu weniger starken negativen Emotionen führte. Das erlaubte den Studierenden, sich ohne Ablenkung auf die zweite Klausur zu konzentrieren und verringerte so womöglich das eigene Aufschieben.

"[...] forgiving oneself for procrastinating has the beneficial effect of reducing subsequent procrastination by reducing negative affect associated with the outcome of an examination." [Wohl et al., 2010]

"Forgiveness allows the individual to move past their maladaptive behavior and focus on the upcoming examination without the burden of past acts to hinder studying." [Wohl et al., 2010]

 

Fazit

Manchmal steht die eigene Bequemlichkeit, wie ein unüberwindbares Hindernis zwischen dem Status Quo und einer vielversprechenden Zukunft. Das ist zwar grundsätzlich kein Problem, kann aber in einigen Fällen problematisch werden. Dann nämlich, wenn Prokrastination zur Versagensangst führt und dadurch einen Teufelskreis der Angst lostritt. Auch wenn letzteres wahrscheinlich eher eine Ausnahme ist, kann Freundlichkeit sich selbst gegenüber helfen, mit Prokrastination umzugehen und diese sogar zu reduzieren. Diese Publikation zeigt, wie wichtig es ist, auch manchmal nachsichtig zu sein. Entgegen der Vermutung, dass solch ein Verhalten, die eigene Faulheit noch bestärken könnte, konnte sogar gezeigt werden, dass Nachsichtigkeit mit sich selbst zu weniger "Aufschieberitis" in der Zukunft führen kann.

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Michael J.A. Wohl, Timithy A. Pychyl, Shannon H. Bennett

Titel: I forgive myself, now I can study: How self-forgiveness for procrastinating can reduce future procrastination

Zeitschrift: Personality and Individual Differences

Publikationsjahr: 2010

 

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