Psychologisches Kapital: Dimensionen und Entwicklungsmöglichkeiten

 

 

Vor einiger Zeit wurde von akademischer sowie von organisationaler Seite erkannt, dass die Höhe des ökonomischen Kapitals, welches finanzielles und gegenständliches Vermögen umfasst, nicht direkt in den wirtschaftlichen Erfolg einer Unternehmung übersetzt werden kann. Dies war der Zeitpunkt wo der Faktor „Mensch“ in die Erfolgsgleichung integriert wurde. Dabei wurde zunächst vor allem das Humankapital betont. Humankapital lässt sich umschreiben als das existierende Wissen und Wesen der Mitarbeiter von Unternehmen. Der grundsätzliche Ansatz: Je mehr ich durch Weiterbildungsmaßnahmen oder Erfahrungsförderung in Mitarbeiter investiere, desto größer wird mein Humankapital. Der in den 60er Jahren entstandene Begriff ist jedoch stark kritisiert worden und wurde 2004 zum Unwort des Jahres gewählt, degradiert er die Menschlichkeit doch lediglich auf ökonomische Zwecke.  Deutlich jünger ist das Konzept des sozialen Kapitals, welches das soziale Netzwerk einzelner Personen berücksichtigt. Während das Humankapital die Frage „Was weißt du?“ beantwortet, widmet sich das soziale Kapital der Frage „Wen kennst du?“. Drei Forschern aus den USA fanden jedoch, dass ein weiter wichtiger Faktor in die Erfolgsgleichung von Unternehmen fehlte, welcher die Frage „Wer bist du?“ beantworten konnte – der Begriff des psychologischen Kapitals war geboren.

 

Was ist psychologisches Kapital?

Psychologisches Kapital ist ein wissenschaftliches Konstrukt, welches die Bestandteile Hoffnung, Optimismus, Resilienz und Selbstwirksamkeit umfasst. All diese Bestandteile teilen die Eigenschaft durch entsprechende Techniken erhöht werden zu können. 

„The four positive psychological capacities of confidence, hope, optimism, and resilience are measurable, open to development, and can be managed for more effective work performance.“ [Luthans et al., 2004]

Da sie konzeptionell zum Teil jedoch recht ähnlich sind und nicht unbedingt intuitiv unterschieden werden können, wird im Folgenden ausführlicher darauf eingegangen.

 

Die Bestandteile von psychologischem Kapital und deren Entwicklungsmöglichkeiten

Hoffnung definieren die Forscher als einen positiven motivationalen Zustand, bei welchem ein Ziel oder mehrere Ziele in der Zukunft erreicht werden sollen und gleichzeitig mehrere Möglichkeiten für die Erreichung dieser Ziele existieren.

„[...] a positive motivational state that is based on an interactively derived sense of succesful agency (goal-oriented energy) and pathways (planning to meet goals).“ [Luthans et al., 2004]

Entwicklung: Die Hoffnung kann durch das Setzen und Erreichen von persönlich relevanten und herausfordernden Zielen erhöht werden. Dazu kann es hilfreich sein, zunächst die eigenen Werte herauszufinden, um daraus langfristige Ziele (Lebensziele) abzuleiten. Diese sollten dann in konkrete Maßnahmen übersetzt werden. Bei der Erarbeitung der Maßnahmen sollten auch alternative Ansätze berücksichtigt werden, die zur Erreichung der Ziele beitragen können und auf die bei Bedarf zurückgegriffen werden kann. 

 

Optimismus entnahmen die Forscher der Attributionstheorie von Seligman. Attributionstheorien beschreiben einen kognitiven Prozess, bei welchem Individuen ein bestimmtes Ereignis habituell mit einer internen oder externen Ursache assoziieren. Ein Mensch mit optimistischem Attributionsstil würde beispielsweise ein Lob des Vorgesetzten (Ereignis) grundsätzlich auf die eigene Kompetenz (interne Ursache) beziehen. Seligman unterteilte diesen kognitiven Prozess in drei verschiedene dichotome Komponenten: intern vs. extern,  stabil vs. variabel und generell vs. spezifisch. Eine Einordnung kann dabei unter Zuhilfenahme von folgenden Fragen vorgenommen werden. Glaube ich, dass das Ereignis (Lob des Vorgesetzten) durch mich (intern: gute Arbeit) oder äußere Umstände (extern: Vorgesetzter hatte einen guten Tag) verursacht wurde? Glaube ich, dass ich grundsätzlich gute Arbeit leiste (stabil) oder, dass ich dieses Mal besonders viel Zeit und Mühen investiert habe und das Ergebnis daher entsprechend gut war (variabel)? Glaube ich, dass positive Ereignisse allgegenwärtig (generell: Heute passieren bestimmt noch mehr gute Dinge) oder spezifisch (spezifisch: Dieses Lob ist die Folge meiner Mühen) sind? Ein optimistischer Attributionsstil ist bei positiven Ereignissen intern, stabil und global, während er bei negativen Ereignissen extern, variabel und spezifisch ist.

„[...] Seligman’s definition draws from attribution theory in terms of two crucial dimensions of one’s explanatory style of good and bad events: permanence and pervasiveness.“ [Luthans et al., 2004]

Entwicklung: Analog zur kognitiven Therapie kann die Entwicklung eines optimistischen Attributionsstils durch die Arbeit an eigenen Überzeugungen und Glaubenssätzen erfolgen. In schwierigen Situationen sollte dabei hinterfragt werden, inwieweit die eigene Reaktion angemessen ist. Ob ich Rückschlägen eher mit der Einstellung „ich kann sowieso nichts“ begegne oder aber mit der Auffassung „in der Situation hat es nicht funktioniert“ beeinflusst maßgeblich das eigene Wohlbefinden und auch das Selbstvertrauen. Hierbei ist zu empfehlen, insbesondere auch persönliche Erfolge miteinzubeziehen oder aber eine dankbare Haltung einzunehmen.

 

Resilienz umschreibt die psychologische Widerstandsfähigkeit. Menschen mit hoher Resilienz erholen sich entsprechend schneller von Rückschlägen und adaptieren sich schneller an veränderte Umstände.

„[...]this capacity to „bounce back“ from adversity or even dramatic positive changes is particularly relevant.“ [Luthans et al., 2004]

Entwicklung: Zum einen kann die Resilienz ähnlich wie ein optimistischer Attributionsstil entwickelt werden. Des Weiteren scheint vor allem auch Achtsamkeitsmeditation ein vielversprechender Ansatz um die eigene Resilienz zu fördern.

 

Selbstwirksamkeit ist die individuelle Überzeugung, dass durch die Mobilisierung von Motivation, kognitiven Ressourcen und der Ausführung von bestimmten Handlungen spezifische Aufgaben innerhalb eines gegebenen Kontexts erfolgreich abgeschlossen werden können.

„[...] individual’s conviction ... about his or her abilities to mobilize the motivation, cognitive resources, and courses of action needed to successfully execute a specific task within a given context.“ [Luthans et al., 2004]

Entwicklung: Die wohl vielversprechendste Möglichkeit die wahrgenommene Selbstwirksamkeit zu fördern, ist durch Erfahrungen, in welchem die eigene Anstrengung zum Erfolg geführt hat. Die Stärke des Einflusses von solchen Erfahrungen hängt jedoch stark von der Aufgabenkomplexität und den eigenen Fähigkeiten ab. Je einfacher eine Aufgabe und je stärker ausgeprägt meine Fähigkeiten, desto geringer ist der Einfluss der Aufgabenbewältigung auf die wahrgenommene Selbstwirksamkeit. Hierbei stellt die Suche nach und Bewältigung von Herausforderungen eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von Selbstwirksamkeit dar.

 

Fazit 

Psychologisches Kapital ist insbesondere in Zeiten zunehmender Vernetzung und Geschwindigkeit ein wichtiges psychologisches Konstrukt, welches zukünftig eine noch stärkere Beachtung in Organisationen finden muss und wird. Mit zunehmender Unsicherheit ist es wichtig, dass Führungskräfte sich trauen, Risiken einzugehen und lernen, auf eine möglichst konstruktive Weise mit Rückschlägen umzugehen. Organisationen sollten daher Maßnahmen entwickeln, die dazu beitragen, dass psychologische Kapital ihrer Mitarbeiter und Führungskräfte zu stärken. Dies kann im Kontext von Seminaren geschehen oder aber durch umfassende Angebote einer betrieblichen Gesundheitsförderung (beispielsweise mit einem Angebot von Meditations- oder Yogakursen).

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Fred Luthans, Kyle W. Luthans & Brett C. Luthans

Titel: Positive Psychological Capital: Beyond Human and Social Capital

Zeitschrift: Business Horizons

Publikationsjahr: 2004

 

 

Bildquelle: flickr.com / Hartwig HKD