Was ist wichtiger: "Viel" zu haben oder "mehr" zu haben?

 

Man stelle sich eine Gehaltsverhandlung vor, bei welcher ein Arbeitnehmer sein zukünftiges Gehalt aushandeln soll und gleichzeitig weiß, wie viel Einkommen seine zukünftigen Arbeitskollegen verdienen. Der Arbeitgeber bietet ihm an, sich für eines von zwei Entlohnungsmodellen zu entscheiden: Entweder würde der Arbeitnehmer jährlich 50.000 € verdienen und seine Kollegen 25.000 € oder aber er würde 100.000 € verdienen, seine Kollegen jedoch 200.000 €? Wofür würde sich der Arbeitnehmer entscheiden? Wie würden Sie sich in dieser Situation verhalten? Auch wenn eine solche Situation in der Realität undenkbar wäre, wirft sie doch die Frage auf, was einem Menschen wichtiger ist: Relativ zu allen anderen besser dazustehen oder aber insgesamt gut dazustehen, auch wenn das bedeutet, schlechter als die Vergleichsgruppe abzuschneiden. Und wie sieht die Antwort darauf in anderen Bereichen aus: Lieber 2 Wochen Urlaub anstelle von 4 Wochen, wenn die lieben Kollegen dann nur 1 Woche Erholung hätten statt 8? Zwei US-Amerikanische Forscher wollten Antworten auf diese Fragen finden.

 

Es wurden 257 Studienteilnehmer aus den USA befragt...

Die beiden Forscher aus den USA führten eine Umfrage an der Harvard Universität durch, bei welcher insgesamt 257 Studierende, Professoren und andere Beschäftigte verschiedene Fragen beantworten sollten. Das Ziel war herauszufinden, was den Menschen wichtiger ist: Absolut gesehen gut dazustehen oder relativ gesehen besser abzuschneiden.

Im Rahmen dieser Umfrage wurden verschiedene Kategorien betrachtet. Dazu zählte zum Beispiel die eigene Intelligenz, die Attraktivität der Kinder, das Jahreseinkommen oder auch die eigene Bildung. Für jede dieser Kategorien gab es zwei mögliche Szenarien: Entweder man steht relativ gesehen besser da, als alle anderen oder aber man hat absolut gesehen zwar mehr, dafür aber weniger als andere. Erklärt am Beispiel der eigenen Intelligenz würde das erste Szenario einen IQ von 110 bedeuten, während andere einen IQ von lediglich 90 besitzen. Szenario 2 wäre dann ein eigener IQ in Höhe von 130 und ein durchschnittlicher IQ von 150 bei anderen.

„Each question presented two states of the world. In each state of the world, respondents were told how much they had of a certain good [...] and how much the typical other person in society had.“ [Solnick and Hemenway, 1998]

Aus den präsentierten Szenarien sollten die Studienteilnehmer jeweils ihre präferierte Option auswählen.

„Respondents were asked to indicate which of the two worlds they would prefer to live in.“ [Solnick and Hemenway, 1998]

 

In manchen Bereichen wollen Menschen „mehr“ statt „viel“

Die Antworten der Studienteilnehmer zeichneten ein interessantes Bild. Bei Dingen, die in sich selbst ihren Wert besaßen (bspw. Urlaubszeit), war es den Studienteilnehmern wichtiger einen hohen absoluten Wert zu erzielen: Sie wollten lieber mehr Urlaub, auch wenn es gleichzeitig bedeutet, weniger Urlaubszeit als andere zu haben. Auf der anderen Seite präferierten die Teilnehmer einen relativen Vorteil bei den Kategorien, die sich maßgeblich auf beispielweise ihren Status auswirkten.

„The pattern of answers [...] suggests that positional concerns loom larger for goods that are crucial in attaining other objectives than for goods that are desirable primarily in themselves.“ [Solnick and Hemenway, 1998]

So gaben ungefähr 50% der Studienteilnehmer an, auf ein hohes Einkommen zu verzichten, solange sie mehr als andere verdienten. Ähnlich waren die Präferenzen bei den Kategorien Attraktivität/Intelligenz des Kindes oder eigene Intelligenz. Auch hier war der relative Vorteil attraktiver als ein höherer absoluter Wert.

„Approximately 50 percent of the respondents preferred a world in which they had half the real purchasing power, as long as their relative income position was high.“ [Solnick and Hemenway, 1998]

 

Fazit

Diese Studienergebnisse haben bedeutsame Implikationen. Was nämlich passiert, wenn beispielsweise in Statusfragen der relative Vorteil wichtiger ist, als der absolute Wert? Warum transferieren Manager, die finanziell in jeglicher Hinsicht ausgesorgt haben, mehrere Millionen auf ausländische Bankkonten in der Schweiz um sich so von der heimatlichen Steuer „befreien“ zu können? Warum verurteilen Abiturienten den hohen NC bei Studienfächern wie Medizin oder Psychologie bis zu dem Zeitpunkt, wo sie eine positive Rückmeldung über die Zulassung erhalten und fangen dann an, Argumente zu sammeln, die den hohen NC rechtfertigen? Viele dieser Verhaltensweisen haben damit zu tun, dass der Mensch in bestimmten Bereichen das „mehr“ einem „viel“ vorzieht. Ob dieses Bedürfnis nun einen Auswuchs der Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft charakterisiert oder aber ein natürliches Bedürfnis darstellt, kann anhand dieser Studie allerdings nicht beantwortet werden. Des Weiteren ist die Aussagekraft der Studie dadurch eingeschränkt, dass den Studienteilnehmern lediglich fiktive Szenarien präsentiert wurden und keine realen Entscheidungen getroffen werden mussten. In realen Entscheidungssituationen könnten sich die Präferenzen daher anders darstellen.

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Sara J. Solnick & David Hemenway

Titel: Is More Always Better?: A Survey on Positional Concerns.

Zeitschrift: Journal of Economic Behavior & Organization

Publikationsjahr: 1998