Wie wirkt sich soziale Exklusion auf die Hilfsbereitschaft von Menschen aus?

 

 

Projektarbeit ist heute ein alltägliches Phänomen der Arbeitswelt. Interdisziplinäre Teams entwickeln und vermarkten Produkte und profitieren dabei von den komplementären Stärken ihrer Teammitglieder. Durch das Ziehen am gemeinsamen Strang entwickelt sich sukzessive eine Wir-Identität unter den Projektmitgliedern: Einer hilft dem anderen und wenn es hart auf hart kommt stehen alle für einander ein - so zumindest das Ideal. Die Realität sieht häufig anders aus. Es gibt dominante Projektmitglieder, die darauf brennen ihre Ideen durchzusetzen und es gibt diejenigen, die fast gar nicht zu Wort kommen und deren Ideen entsprechend weniger Unterstützung erfahren. Doch was passiert, wenn einige Projektmitglieder außen vor bleiben? Wenn sie nicht Teil der Wir-Identität des Projekts sind? Wie wirkt sich das auf das Verhalten dieser Projektmitglieder aus? Ein Forscherteam aus den USA hat die Frage untersucht, wie soziale Exklusion das prosoziale Verhalten von Menschen beeinflusst.

 

Warum Exklusion zu einer geringeren Hilfsbereitschaft führen könnte

Als soziale Lebewesen bevorzugen Menschen die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit hat sich evolutionär entwickelt, da unsere Vorfahren in Gruppen besser in der Lage waren die Herausforderungen des Alltags zu meistern als alleine. Nicht zuletzt ist die Fähigkeit zur Kooperation ein wesentlichen Erfolgsfaktor für den Aufstieg der Menschheit gewesen. Altruistisches Verhalten hatte sich bewährt. Auch heutzutage handeln wir noch altruistisch. Wir spenden für gemeinnützige Zwecke, helfen Freunden und Bekannten bei Problemen oder setzen uns ein für universale Menschenrechte. Warum? Eine Theorie sieht den Nutzen von prosozialem Verhalten analog zum Aufschieben von Belohnungen. Ich investiere jetzt etwas für einen guten Zweck und hoffe zu einem späterem Zeitpunkt dann ebenfalls von der Hilfe anderer zu profitieren.

"Prosocial behavior is not unlike delay of gratification, in which current virtue is to be rewarded later." [Twenge et al., 2007]

Wenn Menschen jedoch keinerlei Zugehörigkeit zu einer Gruppe empfinden, könnte dies die Anreize für prosoziales Verhalten verringern. Helfe ich beispielsweise einem Unbekannten auf der Straße, ist es schließlich eher unwahrscheinlich zu einem späteren Zeitpunkt von seiner Hilfe zu profitieren. Ganz anders sieht es aus, wenn ich einem Mitglied meiner Peergroup aushelfe.

"[...] when people feel excluded, their inclination to perform such behaviors should be reduced or eliminated." [Twenge et al., 2007]

Bisherige Studienergebnisse bekräftigen die Vermutung, dass sich soziale Isolation negativ auf die Hilfsbereitschaft auswirkt. So hat man feststellen können, dass soziale Akzeptanz im Gegensatz zur Ablehnung positiv mit der Hilfsbereitschaft von Menschen korreliert. 

"Numerous correlational studies have found that children who are rejected by their peers act less prosocially than others. Many studies have found that prosocial actions are highly correlated with social acceptance." [Twenge et al., 2007]

Da diese Korrelationsstudien keine Rückschlüsse darauf zulassen, ob Exklusion zu geringerem prosozialen Verhalten oder ob geringes prosoziales Verhalten zur Exklusion führt, führte das Forschungsteam um Jean Twenge mehrere Experimente durch, um diese Frage zu klären.

 

Experimente bekräftigen die Hypothese, dass sich Exkursion negativ auf altruistisches Verhalten auswirkt

Von den insgesamt sieben durchgeführten Experimenten, die allesamt ein ähnliches Bild zeichneten, sollen hier zwei vorgestellt werden. In beiden Experiment mussten die Studienteilnehmer zunächst einen Fragebogen ausfüllen, welcher ihre Persönlichkeit erfasst. Im Anschluss wurde den Teilnehmern dann das Ausmaß ihrer tatsächlichen Extraversion mitgeteilt (um Glaubhaftigkeit zu gewinnen) und anschließend eines der folgenden drei Szenarien präsentiert. Den Teilnehmern wurde entweder gesagt, dass sie mit ihrer Persönlichkeit zukünftig allein sein werden, eine Vielzahl von sozialen Kontakten haben werden oder aber anfällig für Unfälle (zum Beispiel ein Arm- oder Beinbruch) sein werden. Letzteres Szenario war als Kontrollszenario eingebaut worden, da hier kein Einfluss auf das prosoziale Verhalten der Teilnehmer vermutet wurde.

Experiment 1: Nachdem den 49 Teilnehmern die Prognose über ihr zukünftiges Sozialleben gegeben wurde, begannen die Wissenschaftler eine Aufgabe für die Teilnehmer zu erklären. Inmitten dessen passierte den Wissenschaftlern ein "Missgeschick" und sie stießen einen Behälter mit Stiften um, in Folge dessen diese auf den Boden fielen. Das prosoziale Verhalten maßen die Forscher anhand der Anzahl aufgehobener Stifte von den Teilnehmern.

Ergebnis: Die Teilnehmer, welche die Prognose erhalten hatten, dass sie später alleine sein würden, hoben im Durchschnitt deutlich weniger Stifte auf, als die Teilnehmer, welche die anderen Prognosen erhalten hatten. 

"Participants who heard that they would be alone later in life were much less willing to help the experimenter after a mishap. [...] On average, they helped pick up less than one pencil. In contrast, participants in the other conditions helped by picking up between eight and nine pencils, on average." [Twenge et al., 2007]

Experiment 2: Im zweiten Experiment spielten die Teilnehmer ein Kooperationsspiel (angelehnt an das bekannte Gefangenendilemma), bei welchem sie über zehn Runden hinweg entscheiden konnten, ob sie mit einem Mitspieler kooperieren wollten oder nicht. In jeder Runde erhielten die Teilnehmer Punkte und das Ziel war so viele Punkte wie möglich zu sammeln. Entschieden sich beide Spieler zu kooperieren, so erhielten sie jeweils 4 Punkte. Kooperierten beide nicht, wurden 2 Punkte abgezogen. Wenn ein Spieler kooperierte und der andere nicht, wurden dem kooperierenden Spieler 5 Punkte abgezogen und demjenigen, der nicht kooperierte 8 Punkte gut geschrieben. Es existierten folglich Anreize nicht zu kooperieren, wobei die höchste Gesamtpunktzahl erreicht werden konnte, wenn beide Spieler ausschließlich kooperierten. Die Studienteilnehmer wussten allerdings nicht, dass ihr "Mitspieler" ein Computerprogramm war, dass in der ersten, fünften und neunten Runde nicht kooperierte. Dies war notwendig um zu verhindern, dass die Spieler ausschließlich kooperierten.

Ergebnis: Die Teilnehmer, die zukünftig angeblich ein Leben alleine führen würden, kooperierten im Durchschnitt lediglich in zwei Runden, während die anderen Studienteilnehmer in sechs von zehn Runden kooperierten.

"On average, participants in the future-belonging and misfortune-control conditions cooperated about 6 times in the 10-turn game, whereas future-alone participants cooperated only about twice." [Twenge et al., 2007]

 

Fazit

Diese Experimente zeigen, dass ein sozial isoliertes Leben dazu führt, dass sich Menschen weniger altruistisch verhalten. Im Kontext von Projektarbeit könnte es daher beuteten, dass ausgeschlossene Projektmitglieder weniger bereit sind, den anderen Teammitglieder zu helfen. Mögliche Synergien zwischen den einzelnen Teammitgliedern können dadurch möglicherweise nicht vollständig ausgeschöpft werden und das Projektergebnis darunter leiden. Neben der methodischen Kompetenz sollten Projektleiter daher auch über eine ausreichend hohe Sozialkompetenz verfügen, um allen Projektmitgliedern ein Gefühl der Zugehörigkeit zu geben.  

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Jean M. Twenge, Roy F. Baumeister, C. Nathan DeWall, Natalie J. Ciarocco, and J. Michael Bartels.

Titel: Social Exclusion Decreases Prosocial Behavior

Zeitschrift: Journal of Personality and Social Psychology

Publikationsjahr: 2007

 

 

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