Sag mir wen du getroffen hast und ich sag dir wen du treffen wirst

 

 

Wie häufig treffen wir eigentlich die unterschiedlichen Menschen aus unserem sozialen Netzwerk? In bisherigen Studien über soziale Netzwerke haben sich Forscher vor allem auf die Fragen konzentriert, wie groß das soziale Netzwerk von Menschen ist oder inwieweit Cluster innerhalb dieser Netzwerke auftreten. Bisher vernachlässigt wurde jedoch die Frage, wie intensiv der Kontakt zwischen einzelnen Personen ist. Dies ist aber beispielsweise unter dem Aspekt des Einflusses interessant. Habe ich mit einer Person sehr viel Kontakt, die leidenschaftlich politische Themen diskutiert, fange ich wohl eher an ein ähnliches Interesse zu entwickeln, als wenn ich mit dieser Person nur sporadisch Kontakt habe. Aber auch in anderen Kontexten ist die Intensität des Kontaktes eine wichtige Determinante. In Westafrika erleben wir zurzeit den schlimmsten Ebola Ausbruch seit der Entdeckung des Virus im Jahr 1976. Die Situation in den Ländern Sierra-Leone, Guinea und Liberia ist dabei immer noch nicht unter Kontrolle gebracht. Häufig wird die Krankheit an die eigenen Familienmitglieder übertragen – Personen mit denen man in der Regel besonders viel Kontakt hat. Mit wie vielen Personen haben Menschen jedoch viel Kontakt? Und lässt sich anhand der vergangenen Kontakte vorhersagen, mit wem ich mich zukünftig treffe? Antworten auf diese Fragen können helfen, die Verbreitung von Epidemien zu antizipieren und wurden kürzlich von Wissenschaftlern des Max-Planck Institut für Bildungsforschung in Berlin und der University of Nebraska untersucht.

 

40 Studienteilnehmer wurden über 100 Tage hinweg begleitet

Um zu ermitteln, wie häufig Menschen Kontakt mit anderen Personen haben, haben die drei Forscher 40 Studienteilnehmer rekrutiert. Die Studienteilnehmer sollten über einen Zeitraum von 100 Tagen täglich aufschreiben, mit welchen Personen sie relevanten Kontakt hatten. Als relevant bezeichneten die Wissenschaftler jeden sozialen Kontakts, der länger als 5 Minuten andauerte. Neben direktem Kontakt oder Telefonaten wurde auch der schriftliche/elektronische Kontakt berücksichtigt. Ein Kontakt dieser Art musste mindestens 100 Wörter umfassen, um sich als relevant zu qualifizieren. Zusätzlich sollten die Teilnehmer aufschreiben, in welchem Verhältnis sie zu den Personen standen, mit denen sie Kontakt hatten (Partner, Freund, Mitbewohner, Familie, etc.).

 

Wenig Leute, viel Zeit

Die Forscher fanden heraus, dass die Teilnehmer insgesamt mit durchschnittlich 77,1 verschiedenen Personen Kontakt hatten. Pro Tag hatten sie dabei 8,3 relevante Kontakte.

„Over the 100 days, each participant recorded contacts with, on average 77,1 different network members, with M = 8,3 contacts per day.“ [Pachur et al., 2014]

Bei einer detaillierten Analyse stellte sich heraus, dass die Studienteilnehmer den Großteil ihrer sozialen Kontakte mit einem kleineren Anteil der Personen ihres sozialen Netzwerkes hatten. 68% der Kontakte insgesamt waren Kontakte mit lediglich 38% der Personen aus dem Netzwerk.

„The distribution was highly skewed, with a small fraction of a person’s network accounting for a larger share of contacts.[...] Although close network members constituted the minority of the participants’ social networks (38%), this group was involved in the majority of contacts (68%).“ [Pachur et al., 2014]

 

Sag mir wen du getroffen hast und ich sag dir wen du treffen wirst

Die Forscher untersuchten jedoch mehr als die bloße Verteilung von Kontakthäufigkeiten. Sie wollten auch herausfinden, inwieweit sich Kontakte in der Vergangenheit auf die Wahrscheinlichkeit auswirkten, zukünftig erneut in Kontakt zu treten. Dazu betrachteten sie drei verschiedene Effekte.


Frequency effect: Der frequency effect bezeichnet die steigende Wahrscheinlichkeit eines Kontakts mit einer Person zu einem bestimmten Zeitpunkt, je häufiger in der Vergangenheit bereits ein relevanter Kontakt mit dieser Person stattgefunden hat. Je häufiger ich mich mit einer Person schon getroffen habe, desto häufiger werde ich mich in der Zukunft mit ihr treffen.

Recency effect: Der recency effect beschreibt, dass die Wahrscheinlichkeit eine Person zu treffen mit dem Zeitpunkt des letzten Treffens zusammenhängt. Je länger ich eine Person nicht gesehen habe, desto unwahrscheinlicher ist ein Kontakt in der Zukunft.

Space effect: Der space effect detailliert die zeitliche Verteilung des Kontaktes mit einer Person. Wenn der gesamte Kontakt in einem bestimmten Zeitraum stattfand, ist ein zukünftiger Kontakt weniger wahrscheinlich, als wenn es immer wieder zum Kontakt kommt.

 

Die Forscher fanden heraus, dass all diese Effekte eine wichtige Rolle spielten für die Wahrscheinlichkeit eines zukünftigen Kontaktes. Sie konnten feststellen, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Kontakt in der Zukunft linear mit der Häufigkeit der Kontakte zusammenhing.

„Probability of contact p increases linearly with the frequency of past contacts f.“ [Pachur et al., 2014]

Auch konnte der recency effect in dieser Studie bestätigt werden. Je länger ein Kontakt her war, desto weniger wahrscheinlich war ein zukünftiger Kontakt.

„The odds of contact are a power function of the number of days since the last contact [...].“ [Pachur et al., 2014]

Weniger eindeutig waren die Ergebnisse hingegen bei dem space effect. Hatten die Teilnehmer mit einer Person kürzlich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Kontakt, so war die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie sich zukünftig erneut trafen, als wenn sie kürzlich nur ein Mal und dafür ein zweites Mal vor längerer Zeit Kontakt hatten. Ein anderes Bild ergab sich jedoch, als die Forscher Treffen betrachteten, die weiter zurück in der Vergangenheit lagen. Bei diesen war ein zukünftiges Treffen wahrscheinlicher, wenn die vergangenen Treffen zeitlich verteilt waren.

„[...] at short recencies (i.e., briefly after the last contact), the probability of contact was higher for massed than for spaced contacts. At longer recencies (i.e., when the last contact occured some time ago), however, the pattern was reversed.“ [Pachur et al., 2014]

 

Fazit

Die Forscher konnten in dieser Studie herausfinden, dass Menschen den Großteil ihrer Zeit mit einem verhältnismäßig kleineren Teil ihres sozialen Netzwerkes verbringen. Außerdem konnte anhand des Kontaktverhaltens in der Vergangenheit sehr präzise vorausgesagt werden, wie sich der Kontakt zu einzelnen Personen zukünftig gestaltet. Hätten nationale Regierungen und internationale Organisationen wie die WHO daher schnell genug auf die Ebola Epidemie reagiert und beispielsweise Anweisungen über Radio an die Bevölkerung durchgegeben, was im Falle einer Infizierung in Bezug auf den Kontakt in der Familie beachtet werden muss, so hätte das Ausmaß der Epidemie maßgeblich verringert werden können. Als Kritikpunkt dieser Studie muss in jedem Fall die Vernachlässigung sogenannter Kurznachrichten-Apps wie Threema oder WhatsApp angemerkt werden. Eigentlich relevante Kontakte zu Personen über diese Medien wurden daher nur erfasst, wenn sie die vorausgesetzte Wörteranzahl von 100 erreichten.

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Thorsten Pachur, Lael J. Schooler & Jeffrey R. Stevens

Titel: We'll Meet Again: Revealing Distributional and Temporal Patterns of Social Contact

Zeitschrift: PLOS

Publikationsjahr: 2014

 

 

Bildquelle: flickr.com / Andrew Stawarzno changes made / Creative Commons Licence: Attribution-ShareAlike 4.0 (CC BY-SA 4.0)