Stress mich nicht - Die Macht des "Mindsets"

 

 

Manchmal könnte man vermuten, Stress ist die Wurzel allen Übels. Egal ob in Nachrichten, Fernsehsendungen oder im Arbeitsumfeld, man ist sich einig: Langfristig ist Stress in hohem Maße gesundheitsschädlich.  Ob nun Herzprobleme, Depressionen oder Krebs, in allem kann ein bisschen Stress gefunden werden. Jedoch hat Stress nicht nur negative, sondern auch nicht zu unterschätzende positive Effekte. Einer dieser Effekte lässt sich anhand folgender Frage veranschaulichen: Würde ich ganz ohne Stress wirklich mein Bestes geben? Wahrscheinlich nicht. Alia Crum, Peter Salovey und Shawn Achor haben in einem kürzlich veröffentlichten Artikel untersucht, inwieweit sich die eigene Einstellung zu Stress (das sogenannte Stress Mindset) auf physiologischer und auf der Verhaltensebene nachvollziehen lässt.

 

Eustress und Distress: Der gute und der böse Stress

Grundsätzlich können zwei Arten von Stress unterschieden werden. Der „gute“ Stress wird Eustress genannt und den „schlechten“ Stress bezeichnet man als Distress. Eustress beschreibt Zustände von Stress, die zur Höchstleistung motivieren. Wenn ich beispielsweise eine wichtige Präsentation halten muss, dann werde ich mich entsprechend gut vorbereiten, so dass alles reibungslos abläuft. Gedanklich gehe ich proaktiv mögliche Fragen durch, die im Verlauf oder nach der Präsentation gestellt werden könnten, um darauf vorbereitet zu sein. Auch mein Immunsystem verstärkt sich in der Zeit, damit ich diese Präsentation gesund über die Bühne bringen kann. Bei häufiger Erfahrung von Stress kann es zu einer persönlichen Weiterentwicklung kommen. Stress macht dadurch langfristig resilienter. Außerdem konnten wissenschaftliche Untersuchungen Stress sogar mit erhöhter wahrgenommener Bedeutsamkeit des eigenen Lebens und intensiveren freundschaftlichen oder partnerschaftlichen Beziehungen in Verbindung bringen.

„[...] the experience of stress can enhance the development of mental toughness [...] deeper relations, greater appreciation for life, and an increased sense of meaningfulness.“ [Crum et al., 2013]

Aber Stress hat auch seine Kehrseite. Bei dauerhaft hoher Belastung können Herzkrankheiten und Krebs, aber auch mentale Krankheiten, wie beispielsweise Depressionen verstärkt auftreten. Wird der punktuelle Stress zu hoch, dann spricht man von Distress. Dieser Stress tritt in Momenten der Überforderung auf. Wenn zum Beispiel eine Deadline naht, bei der ich jetzt schon absehen kann, dass ich diese nicht einhalten werde, kann der empfundene Stress zu stark werden und die Produktivität dadurch deutlich einschränken. Bei Präsentationen oder Klausuren kann es so zum Blackout kommen.

 

Unterschiede in der Herangehensweise an Stress: Das Stress-Mindset

Das Mindset spielt eine wesentliche Rolle bei der Wahrnehmung von Stress. Ein Mindset kann als mentale Linse beschrieben werden, die selektiv Informationen organisiert, um Erfahrungen einzuordnen und Verhaltensweisen zu determinieren. Es beeinflusst daher Entscheidungen, Verhalten und sogar die Gesundheit. Eine Studie aus den USA ergab, dass ältere Personen mit einem negativen Mindset in Bezug auf das Altern („Jetzt ist das Leben vorbei. Ich werde nicht mehr gebraucht.“) im Durchschnitt weniger Anstrengungen unternehmen, um den negativen Auswirkungen des Alterns entgegenzuwirken. Sie machen weniger Sport und ernähren sich weniger gesund als Personen mit positivem Mindset.

„A mindset is defined as a mental frame or lens that selectivley organizes and encodes information, thereby orienting an individual toward a unique way of understanding an expierence and guiding one toward corresponding actions and responses.“ [Crum et al., 2013]

In puncto Stress unterscheiden die Forscher Crum, Salovey und Achor zwei Mindsets: Das „Stress ist förderlich“-Mindset („Stress is enhancing“) und das „Stress ist schädlich“-Mindset („Stress is debiliating“). Die Forscher vermuteten, dass, abhängig von dem jeweiligen Mindset, unterschiedliche Gedanken- und Verhaltensmuster auftreten und dass sich diese Unterschiede langfristig auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit auswirken. Um das jeweilige Stress Mindset in Individuen erfassen zu können, entwickelten und validierten sie zunächst einen Fragebogen (den „Stress Mindset Measure“). Im Anschluss daran galt es nun herauszufinden, ob das individuelle Stress-Mindset überhaupt geändert werden kann und ob sich die Art des Mindsets tatsächlich auf das Verhalten und die physiologische Reaktion des Körpers auswirkt.

 

Kann das Stress-Mindset geändert werden?

Um diese Frage zu klären, unterteilen sie die teilnehmenden Mitarbeiter eines internationalen Finanzdienstleisters zufällig in drei verschiedene Gruppen. Der „Stress ist förderlich“-Gruppe mit 163 Mitgliedern wurden über den Verlauf einer Woche insgesamt drei Videos mit einer Laufzeit von ungefähr 3 Minuten gezeigt, welche die positiven Effekte von Stress auf Gesundheit, Leistung und Wachstum erklärten. Analog dazu wurden der „Stress ist schädlich“-Gruppe (164 Mitglieder) Videos mit den negativen Effekten von Stress gezeigt. Einer dritten Kontrollgruppe (61 Mitglieder) wurden keine Videos gezeigt.

Das Ergebnis: Die Mitglieder der „Stress ist förderlich“-Gruppe veränderten ihre Einstellung zum Stress und betonten verstärkt die positiven Effekte von Stress (gemessen mit dem „Stress Mindset Measure“). Außerdem berichteten sie von einer Verbesserung ihrer Leistung. Das Mindset der „Stress ist schädlich“-Gruppe verschlechterte sich erwartungsgemäß, was sich jedoch nicht auf die wahrgenommene Leistung auswirkte. Dies führten die Forscher darauf zurück, dass das „Stress ist schädlich“-Mindset auf Grund von beispielsweise Medienberichten schon der „Normalzustand“ ist. Grundsätzlich sahen sich die Forscher in ihrer Annahme bestätigt, dass das Stress-Mindset geändert werden kann.

„Participants seemed to change their mindsets about stress quite readily. [...] participants in the enhancing condition reported improved psychological symptoms and better work performance. [...] The results sugesst that stress mindsets can be changed [...] “ [Crum et al., 2013]

 

Verändert sich in Abhängigkeit vom Mindset das Verhalten und physiologische Reaktionen?

Nachdem in einem ersten Schritt gezeigt werden konnte, dass das Mindset veränderbar ist, sollte nun geklärt werden, ob sich diese Veränderung auch auf der Verhaltens- und der physiologischen Ebene nachvollziehen lässt. Dazu erhielt eine Gruppe von 64 Studierenden während einer Vorlesung zum Thema Charisma die Aufgabe innerhalb von zehn Minuten eine charismatische Rede vorzubereiten. Anschließend wurden fünf Studierenden zufällig ausgewählt, ihre Rede zu halten. Diese Rede wurde auf Video aufgezeichnet und alle Studierenden konnten im Vorfeld auswählen, ob sie von ihren Kommilitonen oder von Managern Feedback auf die Rede erhalten wollten.

Diese Aufgabe war als Stressinduktion gedacht. Um zu sehen, wie sich Stress auf das Verhalten von Studierenden auswirkt, wurde die optionale Möglichkeit Feedback zu erhalten angeboten. Die Vermutung der Forscher war, dass konstruktives Feedback zusätzlichen Stress verursacht und verstärkt von denjenigen eingeholt wird, die ein „Stress ist förderlich“-Mindset hatten. Des Weiteren wurden Kortisol-Proben entnommen um die Veränderung auf physiologischer Ebene nachzuvollziehen.

Das Ergebnis: Die Studierenden mit einem „Stress ist förderlich“-Mindset (gemessen anhand des vorher entwickelten Fragebogens) nahmen deutlich häufiger beide Feedbackangebote (Manager und Kommilitonen) in Anspruch als Studierenden mit einem „Stress ist schädlich“-Mindset. Die Forscher fanden heraus, dass das Mindset den stärksten Einfluss (im Vergleich zu anderen Variablen, wie wahrgenommener Stress, Emotionsregulation, etc.) darauf hatte, ob Studierenden Feedback erhalten wollten.

„[...]75% of participants in the stressful speaking task chose to receive feedback. [...] only 25% of participants chose to take advantage of an opportunity to receive personalized feedback. [...] This regression analysis revealed SMM as the strongest predictor of desire for feedback. “ [Crum et al., 2013]

Keine Unterschiede konnten bei der Menge an ausgeschüttetem Kortisol festgestellt werden. Hier wurde bei den Studierenden mit einem „Stress ist förderlich“-Mindset lediglich eine bessere Adaption an die Situation festgestellt. Bei Studierenden mit grundsätzlich geringerem Kortisollevel und entsprechendem Mindset wurde mehr Kortisol ausgeschüttet, während bei Studierenden mit höherem Kortisollevel weniger Kortisol ausgeschüttet wurde. Das legten die Forscher als Indiz für eine bessere Adaption an stressige Situationen aus.

„[...] there is no main effect of stress mindset on the amout of cortisol secreted under acute stress. [...] A stress-is-enhancing mindset was also related to more adaptive cortisol profiles under acute stress.“ [Crum et al., 2013]

 

Fazit

Dieser Artikel verdeutlicht die Relevanz von Einstellungen in Bezug auf das Thema Stress und zeigt auf, dass und wie sich die Wahrnehmung von Stress verändern lässt. Eine positivere Wahrnehmung von Stress konnte mit einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit und einer verbesserten Adaption an Stresssituationen in Verbindung gebracht werden. Dennoch besitzt dieser Artikel einige Limitationen auf Grund von Verzerrungen. Ein Problem hierbei ist eine mögliche Verzerrung bei den Berichten. Ein Teil der Mitarbeiter des Finanzdienstleisters in der ersten Studie haben über eine Woche hinweg gezeigt bekommen, welche Vorteile Stress besitzt. Hierdurch kann eine Antwortverzerrung aufgetreten sein, da die Teilnehmer der Studie denken könnten, dass sich durch eine Verbesserung des Mindsets die Leistungsfähigkeit erhöht haben muss. Rückblickend kann dieser Eindruck durch einen Bestätigungsfehler noch verstärkt worden sein. Dennoch zeigt diese Studie auf, wie wichtig eine ganzheitliche Sicht auf das Thema Stress ist.

 
 

Informationen zum Artikel

 

Autoren: Alia J. Crum, Peter Salovey & Shawn Achor

Titel: Rethinking Stress: The Role of Mindsets in Determining the Stress Response

Zeitschrift: Journal of Personality and Social Psychology

Publikationsjahr: 2013

Studienteilnehmer: 388 Mitarbeiter eines Finanzdienstleisters / 64 Studierende

 

 

Bildquelle: flickr.com / rana ossama